Göran Schattauer | Der „Navigator“ in C 417
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Der Prozess um manipulierte Fußballspiele wird zeigen, wie ein Zocker und ein Schiedsrichter groß abkassierten — und am Ende alles verloren

 

Der Mann hielt sich für einen Überflieger. Als Benutzerkennwort für die Internet-Seite des britischen Buchmachers Easybets wählte er den Namen des Weltfußballers von 1998, 2000 und 2003 aus Frankreich: „Zidane“. Auch sonst gab sich der Berufszocker Ante Sapina, 29, nicht mit Kleinkram ab. Die Firma Gamebookers ließ er am 5. September 2002 wissen, er würde dort nur wetten, wenn er „hohe Summen (ca. 10000 Euro) setzen“ dürfe.

 

Als auftrumpfender Gewinnertyp war Sapina, in Duisburg geborener Sohn kroatischer Eltern, zuvor selten aufgefallen. Die Technische Universität Berlin, wo er von 1995 bis 2002 im Fach Verkehrswesen eingeschrieben war, verließ er ohne Abschluss. Sein 1996 angemeldetes Gewerbe („Zargeneinbau und Böden auslegen“) gab er 2001 auf. Um Geld zu verdienen, ging er seinem älteren Bruder Milan im Berliner Café „King“ zur Hand, stellte Automaten auf und schippte Schnee. So richtig Karriere machte er erst im hauptstädtischen Wettwesen — in einem Beruf, den es offiziell gar nicht gibt: Großspieler.

 

An einem einzigen Wochenende konnte er ein Vermögen versenken oder gewinnen. Allein von Juni bis Dezember 2004 strich er bei der staatlichen Sportwette Oddset mehr als 3,4 Millionen Euro ein. Hunderttausende Euro kassierte er bei internationalen Wettanbietern wie William Hill Credit, Interwetten Cyprus und Sportingbet.

 

Weil Ante Sapina seinem Glück etwas nachgeholfen haben soll und Fußball-Deutschland in seine schwerste Krise stürzte, steht er ab Dienstag vor dem Landgericht Berlin. Mit ihm auf der Anklagebank: seine Brüder Milan, 40, und Filip, 37, der Ex-Fußballer Steffen Karl, 35, aus Chemnitz sowie die ehemaligen Schiedsrichter Dominik Marks, 30, aus Stendal und Robert Hoyzer, 26, aus Berlin. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen „gewerbs- und bandenmäßigen Betrug“ vor. Sie sollen Fußballspiele „beeinflusst“ und von illegalen Wettgewinnen profitiert haben. Ein Delikt, auf das eine Haftstrafe von bis zu zehn Jahren steht.

 

Die Schlüsselfiguren des Krimis, Ante Sapina und Robert Hoyzer, haben bereits Geständnisse abgelegt. Der Wettfreak und der Pfeifenmann waren sich Anfang 2004 im Café „King“ erstmals begegnet. Zwar sei Hoyzer „etwas herablassend“ gewesen, gab Sapina später zu Protokoll, doch schließlich hätten sie sich „angefreundet“. Man teilte die Leidenschaft für Autos, Fußball und Frauen. „Gelegentlich“, beichtete Hoyzer den Fahndern, hätten sie sich „in bordellartigen Betrieben“ vergnügt.

 

Was die beiden freilich am meisten verband, war die Gier nach Geld. An den Beginn ihrer Kooperation im Februar 2004 will sich Sapina, den seine Kumpels „Navigator“ nennen, noch gut erinnern. Im Café „King“ sprach ihn Hoyzer auf das Wettgeschäft an. Sapina erklärte ihm, dass es „in anderen Ländern auch einmal korrupt“ zugeht. „Nicht nur da“, erwiderte Hoyzer cool und ging aufs Ganze: „Er fragte mich, was es mir denn wert wäre, wenn Paderborn am Wochenende gewinnen würde“, so Sapina, der daraufhin 8000 Euro auslobte. Weil die vereinbarte Halbzeitführung von Paderborn gegen Chemnitz nicht zu Stande gekommen war, musste Hoyzer das Schmiergeld zurückzahlen.

 

So jedenfalls stellte der Zockermeister den Sachverhalt gegenüber den Ermittlern dar — und schob Hoyzer damit eindeutig die Rolle des Anstifters zu.

 

Der Schummel-Schiri schilderte den Verlauf der durchzechten Nacht („Ich hatte sehr viel getrunken“) bei seiner Vernehmung völlig anders. Nicht ihm sei die Idee zum großen Beschiss gekommen, sondern Sapina: „Ante sprach mich an und fragte mich, ob man als Schiedsrichter nicht irgendwas machen kann, um Einfluss auf die Spielresultate zu nehmen.“ Von wem die Initiative letztlich ausging und welcher Angeklagte wie viel kriminelle Energie entwickelte, wird sich also erst im Prozess klären, zu dem 170 Zeugen und an die 100 Journalisten erwartet werden.

 

Zum Kreis der Beschuldigten hatten zeitweise mehr als 30 Personen gezählt, darunter Star-Schiri Jürgen Jansen, 45, aus Essen. Erst als sich der Verdacht gegen ihn auflöste, war klar, dass der Wettskandal die Erste Bundesliga nicht erreicht hatte (FOCUS 27/2005). Als irrig erwies sich zudem die Einschätzung von Hoyzers Anwalt, die Drahtzieher der Affäre seien im osteuropäischen Geheimsdienstmilieu zu suchen.

 

Die Ermittlungsakten erzählen eine simplere, gleichwohl faszinierende Geschichte. Sie beschreibt Aufstieg und Fall des Ante Sapina, der schon im Alter von 16 Jahren per Briefpost Wetten auf Fußballspiele abschloss, mit 18 seine ersten 1000 Mark gewann und Ende der 90er-Jahre schließlich zum Wett-Junkie mutierte. Oft saß er bis früh um halb sechs vorm Computer und studierte die Szene. Gnadenlos nutzte er Fehler der Buchmacher aus, die ihre Quoten zu spät anpassten oder Risiken falsch einschätzten. Während die staatlichen Lottomanager von Oddset ihn trotz Betrugsverdachts gewähren ließen, erteilte die private Börse Albers dem umtriebigen Spieler im Oktober 2004 „Haus- und Wettverbot“. Sapina setzte sechsstellig, gewann siebenstellig — am Ende verlor er alles.

 

Die Karriere seines Kompagnons verlief identisch. Robert Hoyzer stand vor einer veritablen Laufbahn als Schiedsrichter, gab sich jedoch mit 3000 bis 3500 Euro, die er monatlich damit verdiente, nicht zufrieden. Unter dem Druck polizeilicher Ermittlungen gestand er Ende Januar, von Sapina Zehntausende Euro sowie einen Plasmafernseher im Wert von 3620 Euro erhalten zu haben. Im Gegenzug habe er „mehrere Spiele verpfiffen“ und seinen Kollegen Dominik Marks für die krumme Tour angeheuert (FOCUS 25/2005).

 

Anflüge von Zweifel kamen Hoyzer selten. Und wenn doch, übermannte ihn wieder die Gier. So am 28. November 2004. Nachdem Hoyzer beim Spiel Unterhaching gegen Saarbrücken nicht den von Sapina ersehnten Sieg für die Hausherren herbeipfeifen konnte, schickte der Referee seinem Geschäftspartner eine SMS: „Aus Scheiße kann man kein Gold machen. Anscheinend ist das zu hoch für dich.“ Kurz darauf versuchte sich Hoyzer selbst wieder in der Kunst des Goldmachens.

 

Weil er als Erster auspackte, gilt der 26-Jährige nicht nur als Beschuldigter, sondern auch als Kronzeuge.

 

Das Unrechtsbewusstsein von Ante Sapina, der als Einziger der Angeklagten bis heute in Haft sitzt, scheint nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. Kurz nach seinem Einzug in die Zelle C 417 der Justizvollzugsanstalt Berlin-Moabit schrieb er der „geehrten“ Staatsanwältin einen anrührenden Brief. „Inständig“ bat Häftling Nummer 399/05/8 darum, den Gottesdienst besuchen zu dürfen. Auch an anderen Veranstaltungen („besonders Sport, Englisch, Mathe und Schach“) würde er „sehr gern teilnehmen“. Schließlich sei er „ein sehr sozialer und geselliger Mensch“, fabulierte Ante Sapina — und kein „höchstkrimineller Betrüger“. Aha.

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