Göran Schattauer | Die kaputte Welt der Terror-Braut
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In dieser Woche beginnt der Prozess gegen BEATE ZSCHÄPE. Als Mitglied einer rechtsextremen Killerbande soll sie an der Ermordung von zehn Menschen beteiligt gewesen sein. Vor Gericht stehen auch der Staat und seine Sicherheitsbehörden, die bei der Jagd nach dem Terrorkommando kläglich versagt haben

 

Bewaffnete Elite-Polizisten werden sie aus der Gefängniszelle holen und in einen gepanzerten Transporter setzen. Kurz vor zehn Uhr wird sie, begleitet von mehreren Justizbeamten und ihren drei Verteidigern, den Gerichtssaal betreten. Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen beginnt am Mittwoch in München der Prozess gegen die einst vielleicht gefährlichste Frau Deutschlands: Beate Zschäpe, 38 Jahre alt, Rechtsextremistin, Geliebte und Komplizin zweier Serienkiller, Mitglied der Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU).

 

Millionen Menschen kennen Zschäpes Gesicht von Fotos. Im Schwurgerichtssaal A 101 werden viele sie zum ersten Mal „live“ erleben, ihr in die Augen sehen, ihre Stimme hören, jede noch so kleine Geste verfolgen. Das öffentliche Interesse an dem Verfahren ist riesig. Die Zahl der Opfer, die Kaltblütigkeit der Täter, das Versagen der Ermittlungsbehörden – die Richter des Oberlandesgerichts (OLG) München haben ein in vielerlei Hinsicht monströses Verbrechen aufzuklären. Gemessen an der weltweiten Aufmerksamkeit, steht ein „Jahrhundert-Prozess“ bevor. 77 Opfer-Angehörige wollen das Geschehen im Gericht mitverfolgen. Ihr größter Wunsch: endlich die Wahrheit erfahren über Zschäpe und Konsorten, über die Gründe für ihren Hass, die Gewalt, den gnadenlosen Terror.

 

Die ersten Schüsse fielen am 9. September 2000 in Nürnberg. Sie trafen den türkischen Blumenhändler Enver Simsek. Die Mörder entkamen – und liquidierten in den folgenden Jahren acht weitere Einwanderer aus der Türkei und Griechenland. Einen fremdenfeindlichen Hintergrund schlossen die Ermittler stets aus. Stur suchten sie die Todesschützen im Mafiamilieu und verdächtigten sogar die Familien der Opfer.

 

Erst 2011 kamen die Fahnder den mutmaßlichen Mördern auf die Spur: Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe. Das Neonazi-Trio war 1998 aus Jena geflüchtet und hatte sich fast 14 Jahre in Sachsen versteckt. Dort formierten sich die Rechtsextremisten zur Terrorzelle NSU. Die Bande soll laut Anklage auch für die Hinrichtung einer Polizistin 2007 in Heilbronn und andere Verbrechen verantwortlich sein. Mundlos und Böhnhardt können nicht mehr bestraft werden. Nach einem verpatzten Bankraub – Streifenbeamte hatten das Fluchtauto der beiden aufgespürt – erschossen sich die Männer am 4. November 2011 in Eisenach. Vier Tage später stellte sich Zschäpe der Polizei. Nicht nur die sogenannte Terror-Braut muss sich vor Gericht verantworten. Auf der Anklagebank sitzen auch vier mutmaßliche NSU-Helfer und – zumindest indirekt – der Staat mit seinen Sicherheitsbehörden. Deutschland erlebte die schlimmste Verbrechensserie politisch motivierter Täter seit den Anschlägen der Roten Armee Fraktion (RAF). Doch weder Polizei noch Verfassungsschutz waren in der Lage, die Neonazi-Killer zu erkennen. Geschweige denn, sie zu stoppen. Nach dem Auffliegen der Terrorgruppe setzte sich das Debakel fort. Einige Beamte versuchten, Fahndungspannen zu vertuschen, andere schredderten hochbrisante Akten.

 

Beate Zschäpe hat in den letzten Monaten viele Briefe geschrieben. An ihre Familie, an die Gefängnisleitung. „Mit freundlichen Grüßen“, „Hochachtungsvoll“, „Im Voraus Danke!“ – so nett enden die meisten Schreiben. Am 18. Mai 2012 beantragte sie die „Aushändigung des Notebooks“, das ihr die Bundesanwaltschaft zur Verfügung stellte. Fortan bereitete sie sich auf den Prozess vor. Zschäpe studierte die komplette Ermittlungsakte, 1000 eingescannte Leitz-Ordner. Vergangene Woche durfte sie erstmals die Bände 588 bis 595 einsehen – streng geheime „Verschlussakten“ des Verfassungsschutzes. Zschäpe schweigt zu den Vorwürfen der Anklage, wohl auch im Gericht. Es droht ein mehrjähriger Indizienprozess, ein kompliziertes Verfahren, über das schon im Vorfeld heftig diskutiert wurde.

 

Das OLG garantierte zunächst nur 50 Journalisten einen Sitzplatz. Medien aus der Türkei, woher die meisten NSU-Opfer stammten, erhielten keine Akkreditierung. Das Bundesverfassungsgericht rügte vergangenen Freitag die Platzvergabe – und wies die Münchner Richter an, mindestens drei zusätzliche Plätze an ausländische Medien zu vergeben. Vermutlich erhalten nun drei bis vier türkische und griechische Journalisten die Gelegenheit, aus erster Hand über den Terrorprozess zu berichten.

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