Die Vermessung einer Tragödie - Göran Schattauer
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Ermittler haben den Tod des Bundeswehrsoldaten Oliver O. in Afghanistan so gut wie aufgeklärt. Die Ergebnisse belasten den Schützen schwerer als bisher bekannt

 

Seine letzte Zigarette rauchte der Bundeswehrsoldat Oliver O. am Abend des 17. Dezember 2010 kurz vor halb zehn. Der Nachthimmel über dem Außenposten „OP-North“ in Afghanistan war klar, sechs Grad über null, die Luftfeuchtigkeit betrug 46 Prozent. Als der 21 Jahre alte Hauptgefreite aus dem bayerischen Waldhausen in das Mannschaftszelt zurückkehrte, traf er auf relativ entspannte Kameraden. Die jungen Männer freuten sich auf Weihnachten, vielleicht waren sie auch nur froh, einen weiteren Kriegstag heil überstanden zu haben. Noch am Morgen sahen sich die Gebirgsjäger des A-Zuges bei einem Einsatz im Taliban-Gebiet heftigen Mörser-Attacken ausgesetzt. Jetzt scherzten und lachten sie, einige saßen auf ihren Feldbetten, spielten Playstation und hörten Musik, einer döste im Schlafsack.

 

Plötzlich krachte ein Schuss.

 

Ein Schuss, mit dem keiner rechnen konnte und der niemals hätte fallen dürfen. Ein Schuss, der eine Tragödie bedeutete, schon deshalb, weil Opfer und Täter befreundet waren. Ein Schuss, der zum Politikum wurde und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) in arge Bedrängnis brachte. Die Opposition warf dem Regierungsmann vor, er habe Parlament und Öffentlichkeit über die Hintergründe des Zwischenfalls lange im Unklaren gelassen. Mehrere Wochen konnte sich der (falsche) Eindruck halten, es habe sich um einen selbst verschuldeten Unfall beim Waffenreinigen gehandelt – und mitnichten um eine Straftat.

 

Was in jener Dezembernacht wirklich geschah, untersucht derzeit die Staatsanwaltschaft Gera. Gegen den Schützen, der aus Ostthüringen stammt, wird wegen fahrlässiger Tötung ermittelt. Zwar lässt das Ergebnis noch auf sich warten. Doch nach FOCUS-Informationen zeichnet sich schon jetzt ab, dass die objektiven Befunde mit den Aussagen des 21-jährigen Schützen Patrick S. nur schwer in Einklang zu bringen sind.

 

Auf Deutsch: Die Ermittler glauben, dass der verhängnisvolle Schuss unter anderen Umständen fiel, als der Beschuldigte dies angibt. Möglicherweise, so Staatsanwalt Jens Wörmann, „ist das Opfer bei sogenannten Schießspielen ums Leben gekommen“. Fest steht, dass Oliver O. nach seiner Rauchpause ins Zelt zurückkehrte. Elf Feldbetten auf engstem Raum, sechs links, fünf rechts, dazwischen ein schmaler Gang. Am dritten Bett von links blieb er stehen, wenige Schritte vor seinem Kameraden Patrick S. Der Hauptgefreite wollte gerade in das Internet-Café des Lagers gehen und nahm seine Dienstpistole, eine P8 von Heckler & Koch, zur Hand. Soldaten dürfen die Unterkunft nur mit teilgeladener Waffe verlassen, um im Notfall schnell reagieren zu können. Der Soldat schob nach eigener Aussage ein Magazin ein, es klappte nicht richtig, dann gab es einen Knall.

 

Oliver O. hielt sich noch einen Moment auf den Beinen, dann sackte er zusammen. Der Soldat, so vermerkten die Ermittler in ihrem Report, „erlitt einen Kopfschuss. Eintrittswunde im Bereich der rechten Augenbraue, Austrittswunde Hinterkopf, über dem linken Ohr“. Patrick S. erstarrte und ließ die Waffe fallen. Kreidebleich, halb taumelnd, ging er auf den Getroffenen zu. Der Lärm des Schusses war in der benachbarten Unterkunft der Gruppenführer zu hören. Drei Männer rannten ins Zelt, wo Oliver O. blutend zwischen zwei Betten lag. „Alle raus!“ brüllte ein Hauptfeldwebel. Er eilte zurück, schnappte sich Verbandszeug, schrie „Kopfschuss! Wir brauchen einen BAT!“ Damit meinte er einen Beweglichen Arzttrupp. In den folgenden Minuten kämpften mehrere Retter um das Leben des Gebirgsjägers. Sie drückten einen Notverband auf die Schusswunde, legten Infusionen und beatmeten den Schwerverletzten künstlich. Schließlich wurde er in einem Medevac-Hubschrauber in das Feldlazarett in Pol-e Khumri geflogen. Dort starb er.

 

Noch am Abend begann eine Feldjäger-Streife mit der Untersuchung des Vorfalls. Die Tatpistole, Waffennummer Bw 04072, lag auf dem Bett von Patrick S.. Im rechten Bereich des Zeltes fand sich eine Patronenhülse, das zugehörige Projektil wurde im Nachbarzelt gefunden. Am Ende ihrer Ermittlungen schlossen die Experten eine vorsätzliche Tat aus. Vielmehr sprachen sie von einem Unfall, ausgelöst durch „Nichteinhaltung von Sicherheitsbestimmungen und Unachtsamkeit“ des Schützen.

 

Nach Überzeugung der Feldjäger hatte Patrick S. nach der Rückkehr vom Einsatz seine Pistole entladen und gereinigt. Anschließend prüfte er ihre Funktionsfähigkeit, indem er einige Male den Abzugshebel drückte. Er schob ein Magazin ein, zog den Verschluss zurück und lud damit die Pistole. Schließlich nahm er das Magazin wieder aus der Waffe „im Glauben, sie sei entladen“. Tatsächlich verblieb eine Kugel im Lauf. Als er das Zelt verlassen und die P8 teilladen wollte, rutschte ihm wohl das Magazin aus der Waffe. Daraufhin schlug er mit der linken Hand auf den Magazinboden. Mit der rechten Hand müsse er „eine Reflexbewegung ausgeführt und dabei den Abzugshebel betätigt haben“, so die Feldjäger.

 

Dass die Waffe womöglich wegen eines technischen Defekts losging, gilt als ausgeschlossen. Spezialisten des Landeskriminalamts Thüringen stellten nach eingehender Prüfung fest, dass die P8 „einwandfrei funktionsfähig“ war. Ein Unfall also. Aber wie konnte es soweit kommen? Warum wurde das Opfer in den Kopf getroffen? Anhand der Einschusslöcher in den Zelten und der Standorte der Beteiligten gelang es den Feldjäger-Ermittlern, die Flugbahn der Kugel nachzustellen.

 

In ihrem vertraulichen Bericht („VS – Nur für den Dienstgebrauch“) notierten sie, dass sich Opfer und Täter schräg gegenüberstanden und etwa 1,5 Meter voneinander entfernt waren. Der 1,70 Meter große Schütze muss „die Waffe am nach vorn gestreckten Arm in Richtung des Hauptgefreiten O. gehalten haben“. Nur so lässt sich nach Meinung der Fahnder erklären, warum das Projektil den 1,80 Meter großen Mann in die Schläfe traf. Es trat am Hinterkopf aus, durchschlug die Zeltwand in einer Höhe von 1,62 Metern und schoss auf nahezu gleicher Höhe in das neun Meter entfernte Nachbarzelt (siehe Grafik Seite 56/57). Das Projektil habe „eine ziemlich gerade Flugbahn“ zurückgelegt, heißt es im Protokoll.

 

Der ballistische Befund widerspricht den Angaben des Schützen. In seiner Vernehmung zwei Tage nach der Tat behauptete Patrick S., er habe die Waffe im entscheidenden Moment nach unten gerichtet, vom späteren Opfer sei er drei bis vier Meter entfernt gewesen. Unter diesen Umständen freilich „wäre das Projektil in den Boden eingeschlagen“, so die Ermittler. Dass die Waffe durch den Schlag auf das Magazin extrem nach oben verrissen wurde, halten sie für unwahrscheinlich. Plausibler erscheint ihnen da schon die Möglichkeit, dass sich der Schuss während eines Spiels mit der Waffe löste. So berichtete ein Zeuge, Patrick S. habe mit seiner Pistole vor dem späteren Opfer „herumgefuchtelt“. Kurz vor dem tödlichen Schuss habe er die P8 „in Richtung“ von Oliver O. gehalten.

 

Mehrere Befragte räumten ein, es sei bei ihnen nicht unüblich, sich mit Waffen in martialischen Posen zu fotografieren. Ein Soldat berichtete von zwei Kameraden, die sich „gegenüberstanden und ihre Waffen aufeinander richteten“. Das sei „Spaß“ gewesen. Auf die Frage, ob der Schuss während eines solchen Rituals gefallen sei, antwortete er: „Nein. Es war ein blöder Unfall, ein Zufall.“ Wirklich begreifen kann die Tat niemand. Seine Kameraden beschrieben Patrick S. als vernünftig, zuverlässig und sicher im Umgang mit Waffen. Seinem Vorgesetzten galt er als Bilderbuchsoldat. Obwohl er dem Team erst seit Kurzem angehörte, „stand er in der Rangfolge an erster Stelle“, gab der Gruppenführer zu Protokoll. „Ich konnte mich auf ihn am meisten verlassen und musste ihn am wenigsten kontrollieren.“

 

Blind vertraut hat der Chef seinem Schützling offenbar sogar bei routinemäßigen Sicherheitsüberprüfungen. „Mir hat die mündliche Meldung, dass seine Waffen entladen sind, genügt, und ich habe von einer Kontrolle des Ladezustands abgesehen.“ Ganz unbescholten war Patrick S. freilich nicht. Bei einer Verkehrskontrolle im August 2010 filzten Polizisten sein Auto und entdeckten einen Beutel voller Platzpatronen. Der Soldat hatte sie bei einer Militärübung mitgehen lassen.

 

Was immer die Ermittlungen noch ergeben, welches Urteil ein Richter am Ende auch fällt, eines steht schon heute fest: Am 17. Dezember 2010 wurde in Afghanistan das Leben zweier junger Männer und deren Familien zerstört. Der eine starb, den anderen wird die Tat bis ans Ende seines Lebens verfolgen: Er hat seinen besten Freund erschossen. Wie gut Täter und Opfer sich verstanden haben, lassen mehrere Aussagen erahnen. „Die wollten nach dem Einsatz zusammen in den Urlaub fliegen“, berichtete ein Soldat. Ein anderer sagte: „Es war zu hundert Prozent keine Absicht. Die beiden waren wie Brüder.“

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