„Eine Million Euro Gewinn“ - Göran Schattauer
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Riesenskandal oder falsche Verdächtigungen: Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt zu Spielen der Ersten Bundesliga

 

Herr S. aus München ist eine famose Erscheinung. 1,98 Meter groß, südländischer Typ, supergepflegt. Sein Anzug sitzt tadellos. S. verdient sein Geld mit der Vermittlung von Sportwetten. Eigentlich spricht der Kroate fließend Deutsch. Am vergangenen Dienstag jedoch hielt er lieber den Mund. Er saß — angeblich „völlig überrascht“ — dem Staatsanwalt Gerhard Köstler und mehreren Polizisten des Dezernats 13 (Organisierte Kriminalität) gegenüber. Dutzende Fahnder hatten zuvor vier Wettannahmestellen von S. — drei in München, eine in Nürnberg — sowie seine Privatwohnung durchsucht. Sie beschlagnahmten Kontoauszüge, Computer, Handy und Bargeld. Die Beamten ermitteln in einem wilden Kriminalfall, der die Republik seit Wochen erschüttert: der neue Wett- und Manipulationsskandal im deutschen Fußball.

 

Während die Staatsanwaltschaft Frankfurt am Main versucht, die Machenschaften eines inhaftierten Zocker-Quartetts aufzudecken (FOCUS 12/06), eruiert die Staatsanwaltschaft München, ob Wettbetrüger möglicherweise bis tief hinein in die Bundesliga wirken. Bislang teilte die Anklagebehörde stets lapidar mit, entsprechende Hinweise aus den Medien würden „ausgewertet“. Erst danach entscheide sich, ob ermittelt werde. Diese Entscheidung ist nach FOCUS-Recherchen gefallen: Unter dem Aktenzeichen 562 Js 34049/06 führt die Staatsanwaltschaft München I ein Verfahren gegen drei Beschuldigte. Dabei handelt es sich um den Sportwetten-Vermittler S., dessen Bruder sowie den ebenfalls aus Kroatien stammenden C., der in einer Filiale von S. arbeitet. Ihnen allen wird „gewerbs- und bandenmäßiger Betrug“ vorgeworfen.

 

Laut dem Durchsuchungsbeschluss des Amtsgerichts München vom21. März (Geschäftsnummer 2704/06) soll das Trio Fußballspiele manipuliert und dadurch hohe Wettgewinne erzielt haben. Konkrete Vorwürfe beziehen sich auf vier Partien. Da wäre zunächst das Eröffnungsspiel der Münchner Allianz-Arena am 30. Mai 2005. In dem historisch wertvollen, sportlich jedoch unbedeutenden Match bezwang Zweitligist TSV 1860 München den höherklassigen 1. FC Nürnberg mit 3:2. Das Resultat soll den Beschuldigten sehr zupass gekommen sein. Schließlich hätten sie auf den Sieg des Underdogs insgesamt „zwischen 300000 und 400000 Euro“ gesetzt, und zwar „in Teilbeträgen zwischen 300 und 500 Euro“. Ihr Wettgewinn habe sich auf „zirka eine Million Euro“ summiert, so die Ermittler. Weiter heißt es im Durchsuchungsbeschluss: Die Beschuldigten „stellten zunächst sicher“, dass der TSV 1860 München „dieses Spiel gewinnen werde“. Zu diesem Zweck habe einer von ihnen „Kontakte“ zu Spielern vom TSV 1860 aufgenommen, ein anderer zu Kickern des 1. FC Nürnberg.

 

Ein Spieler, den das Münchner Boulevardblatt „tz“ zunächst tief in den Wettsumpf hineingeschrieben hatte, taucht in den Akten mit keiner Silbe auf: Bastian Schweinsteiger vom FC Bayern. Das Blatt musste seine Behauptungen inzwischen widerrufen. Der mutmaßliche Manipulator S. bestätigte gegenüber FOCUS, dass der Name Schweinsteiger in der Münchner Wettszene „nie gefallen“ sei, geschweige denn, dass der Nationalspieler „bei uns am Wettschalter war“.

 

Immer mehr in den Blickpunkt der Fahnder gerät indes der 1. FC Nürnberg. Gleich mit vier Partien ist der Franken-Club auf der Liste der inkriminierten Spiele vertreten. Neben dem Eröffnungsmatch in der Allianz-Arena soll das beschuldigte Trio „in vergleichbarer Weise“ drei weitere Spiele der Nürnberger manipuliert haben, allesamt in der Hinrunde der laufenden Bundesliga-Saison. Es handelt sich um die Begegnungen VfL Wolfsburg gegen Nürnberg (1:1), Werder Bremen gegen Nürnberg (6:2) und Nürnberg gegen Arminia Bielefeld(2:3). Laut den Ermittlern wetteten S. und die beiden anderen Beschuldigten „hierbei auf den von ihnen im Voraus organisierten Spielausgang“. Wer ihnen dabei geholfen haben soll, wird nicht näher erläutert. In den Spielanalysen des Sportmagazins „kicker“ finden sich keinerlei Indizien dafür, dass Nürnberger Kicker absichtlich schlaff agierten. In Wolfsburg hätten sich die Cluberer „ein klares Plus an Chancen“ erarbeitet, in Bremen hätten sie „lange Zeit gut mitgespielt“, gegen Bielefeld seien sie über weite Strecken „bestimmend“ gewesen.

 

Der Verdacht, dem die Staatsanwaltschaft nachgeht, ist so unglaublich wie ungeheuerlich. Selbst im ersten Wettskandal um die kroatische Wettbande Sapina und den verurteilten Schiedsrichter Robert Hoyzer waren keine Spiele der deutschen Eliteklasse betroffen. Bislang konzentrierten sich auch die aktuellen Manipulationsermittlungen auf Spiele unterer Klassen. Sollte die Affäre nun doch jene Liga erfassen, die einst zu den stärksten der Welt zählte und die auch heute noch international einen hervorragenden Ruf genießt — und das alles kurz vor der WM im eigenen Land? Ob es die vermuteten „Kontakte“ zwischen Figuren aus dem Wettmilieu und Fußballern tatsächlich gab, ob Profis bestochen und Ergebnisse gekauft wurden — all das werden erst die kriminalistischen Recherchen ergeben. Der Sprecher der Staatsanwaltschaft, Anton Winkler, wollte vergangenen Freitag gegenüber FOCUS „keinen Kommentar“ zur neuen Entwicklung abgeben.

 

Ganz aus der Luft gegriffen sind die Ermittlungsansätze wohl nicht. In Deutschland ist es üblich, dass Ermittlungsrichter nur dann grünes Licht für Durchsuchungen geben, wenn die Staatsanwaltschaft ihren Tatverdacht einigermaßen stichhaltig begründet. Doch auch Justizvertreter irren mitunter gründlich, wie der Fall Hoyzer eindrucksvoll bewies. Mitten im Verfahren pfiff das Berliner Landgericht die allzu forsch handelnde Staatsanwaltschaft zurück. Die Durchsuchungen bei mehreren Fußballern seien eindeutig „rechtswidrig“ gewesen, rügten die Richter. In einigen Fällen habe nicht einmal „ein Anfangsverdacht“ bestanden. Die Ermittler hätten sich lediglich auf „vage Hinweise“ des zwielichtigen Pfeifenmannes Hoyzer gestützt. Es ist nicht ausgeschlossen, dass auch die Münchner Ermittlungen auf Aussagen beruhen, die sich als übertrieben, unwahr oder gar erfunden herausstellen.

 

Einer der Beschuldigten jedenfalls, der Sportwetten-Vermittler S., bestreitet gegenüber FOCUS jede Verwicklung in den Skandal. Sowohl er als auch die Gesellschaft Tipico, für die er Wetten vermittelt, sprechen von „haltlosen Vorwürfen“. Tipico-Geschäftsführer Stefan Meurer, 34, erklärt, intern seien bereits alle Wettbewegungen im Zusammenhang mit dem Eröffnungsspiel der Allianz-Arena überprüft worden. „Wir haben keinerlei atypisches Wettverhalten festgestellt und demzufolge auch keine atypischen Auszahlungen getätigt.“

 

Meurer hält es für „ausgeschlossen“, dass eine Betrügerbande in Tipico-Filialen Hunderte Kleinwetten zwischen 300 und 500 Euro im Gesamtwert von bis zu 400000 Euro platziert hat — und das binnen wenigen Stunden. Die Quoten für die Partie 1860 gegen Nürnberg seien nämlich erst am Spieltag festgelegt worden. Meurer: „Unser Warnsystem hätte sofort Alarm geschlagen und derartige Wetten gar nicht angenommen.“

 

Absolut keinen Reim können sich die Tipico-Leute auf die im Durchsuchungsbeschluss aufgeführten, angeblich manipulierten Spiele der Ersten Liga machen. Der Rechtsanwalt des Beschuldigten S., Alexander Hornung: „Wir wissen nicht, wie die Staatsanwaltschaft zu diesen Vorwürfen kommt.“ Auch beim 1. FC Nürnberg ist man einigermaßen ratlos. Clubsprecher Martin Haltermann: „Die Staatsanwaltschaft hat uns noch keine Vorhaltungen in dieser Richtung gemacht.“

 

Die scheinbare Gelassenheit, mit der die Tipico-Führung den Nachforschungen der Fahnder entgegensieht, gründet sich nicht nur auf ihr Vertrauen in Mitarbeiter und Technik. Sie speist sich auch aus der Vermutung, wer hinter jenem Informanten steckt, der vor einigen Tagen in „Plusminus“ (ARD) und „Akte 06“ (SAT.1) aufgetreten war. Der Anonymus hatte behauptet, Bundesliga-und sogar Nationalspieler seien in der illegalen Zockerwelt quasi zu Hause— und hatte damit die Neugier der Münchner Strafverfolger geweckt.

 

Hinter dem Enthüller vermutet der Beschuldigte S. einen ehemaligen Mitarbeiter. Der 27-Jährige habe im vergangenen Jahr als Kassenkraft fungiert, berichtet S. Im August habe er diesen Mitarbeiter rausgeschmissen, weil er ihn für einen Dieb hielt. Nach einem Streit vor dem Arbeitsgericht sei die Kündigung Ende Dezember wirksam geworden. Die polizeilichen Ermittlungen zum Diebstahl wurden eingestellt. Möglicherweise sei der Rauswurf das Motiv des Geschassten gewesen, sich an seinem früheren Arbeitgeber zu rächen, glaubt Tipico-Boss Meurer. Bei dem „so genannten Wettskandal“ handelt es sich aus seiner Sicht um „ein Phantasiegebäude“, das ein gekündigter Mitarbeiter mit großem „Geltungsbedürfnis“ erschaffen hat.

 

Der von dem Wettunternehmen ins Spiel Gebrachte bestreitet, der Medien-Informant zu sein. „Ich bin’s nicht“, erklärte der Mann gegenüber FOCUS. Er habe mit der Sache „nichts zu tun“ und werde Anzeige gegen seinen Ex-Arbeitgeber erstatten. „Wenn ich auf Rache aus gewesen wäre, hätte ich nicht monatelang damit gewartet.“

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