Göran Schattauer | „Globales Datennetz nötig“
21826
portfolio_page-template-default,single,single-portfolio_page,postid-21826,ajax_fade,page_not_loaded,,select-child-theme-ver-1.0.0,select-theme-ver-3.7,vertical_menu_enabled,wpb-js-composer js-comp-ver-6.9.0,vc_responsive

Der weltweit oberste Polizist, Interpol-Chef Jürgen Stock, fordert im Kampf gegen den Terror ein schnelles Umdenken: Staaten müssen Informationen besser austauschen

 

Er soll die Welt sicherer machen: Jürgen Stock aus Wetzlar leitet seit November 2014 die internationale Polizeibehörde Interpol mit Sitz in Lyon. In die noch kurze Amtszeit des 56-jährigen Juristen, einst Vizechef des Bundeskriminalamts (BKA), fallen zahlreiche Terroranschläge, darunter die Attacken in Paris, Ankara, Istanbul und zuletzt Brüssel. Kurz vor seinem Abflug nach Washington, wo US-Präsident Obama am Donnerstag mit Politikern und Sicherheitsexperten aus aller Welt über die Bekämpfung des Islamischen Staates (IS) sprach, befragte FOCUS den Interpol-Chef zu seiner Strategie gegen den globalen Terror.

 

Stock mahnt an, dass der Informations- und Datenaustausch zwischen einzelnen Staaten erheblich verbessert werden müsse. „Die in diesem Maße noch nie dagewesene globale Dimension des Terrors erfordert, dass die 190 Mitgliedsländer von Interpol ihre Informationen über die Grenzen der Kontinente hinaus intensiver miteinander teilen“, so Stock. Der oberste Weltpolizist glaubt, dass die bilaterale Zusammenarbeit von Behörden nicht mehr ausreiche: „Wir brauchen ein globales Informationsnetz, an dem sich möglichst alle Staaten beteiligen.“ Dabei gehe es vor allem darum, Reisewege von Terroristen früh zu erkennen und Hinweise auf gefälschte Pässe zu erlangen. „Ein einzelnes Land ist kaum in der Lage, so etwas zu überblicken.“

 

Stock fordert, die entsprechenden Interpol-Datenbanken stärker zu nutzen. Sie ermöglichten einen „weltweiten Informationsaustausch in Echtzeit“ sowie Analysen zu Taten und Tätern. „Einige Länder liefern rege Informationen, andere tun das sehr viel zurückhaltender. Wir arbeiten daran, diesen Prozess weiter zu verbessern.“ Derzeit scheitert die Weitergabe von Daten an Interpol oft an rechtlichen Vorgaben eines Staates oder am Veto von Geheimdiensten. Zudem scheuen viele Behörden davor zurück, ihr „exklusives“ Wissen mit anderen zu teilen.

 

Lücken gibt es etwa in der Datei „Foreign Terrorist Fighters“, der einzigen globalen polizeilichen Terrorismus-Datenbank. Derzeit sind dort etwa 6000 Profile von weltweit kämpfenden Terroristen aus mehr als 50 Staaten gespeichert. Doch allein im Konfliktgebiet Syrien/Irak sind schätzungsweise 30 000 Kämpfer aus mehr als 100 Staaten aktiv, darunter etwa 5000 aus Europa. Hinzu kommen Tausende Gotteskrieger in Afrika und Asien. „Leider enthält unsere Datenbank nur einen Teil der Terroristen, die den nationalen Sicherheitsbehörden bekannt sind“, so Stock. Dennoch sieht er Fortschritte. Als Interpol die Datei 2013 aufbaute, bestand sie aus gerade mal zwölf Einträgen. „Heute bekommen wir monatlich 200 neue Personensätze.“

 

Als unverzichtbares Instrument zur Terror-Abwehr nennt Stock die nach den Anschlägen vom 11. September 2001 eingerichtete Interpol-Datenbank „Stolen and Lost Travel Documents“. Sie erfasst aktuell 56,4 Millionen gestohlene und verlorene Reisepässe aus 172 Staaten. Brisant: 250 000 davon stammen aus Syrien und dem Irak, erbeutet vermutlich von der Terrormiliz IS. Experten warnen, Kämpfer könnten die Dokumente nutzen, um Anschläge in Europa zu begehen.

 

Stock: „Dass wir die Nummern der Pässe in unserer Datenbank haben, ist wichtig. Erfolgreich sind wir aber nur, wenn die Informationen auch an Kontrollpunkten, vor allem Grenzen, verfügbar sind.“ Interpol sei bereit, die Daten abrufbar zu machen. „Ob und wie sie genutzt werden, ist Sache der EU und deren Mitgliedsstaaten.“ Für richtig hält Stock den Beschluss der EU-Innen- und Justizminister vom November 2015, den Datenzugriff an allen Schengen-Außengrenzen einzurichten.

 

Interpol ermittelt nicht selbst, die Behörde koordiniert lediglich den Datenfluss zwischen Ländern und verbreitet deren Fahndungsaufrufe. Belgien suchte seit längerem den Terror-Verdächtigen Khalid El Bakraoui, 27. Bevor man ihn fasste, verübte er das Selbstmord-Attentat in der Brüsseler Metro.

Zurück zur Übersicht