Größter denkbarer Misserfolg - Göran Schattauer
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Albrecht Broemme, Präsident des Technischen Hilfswerks (THW), zieht eine erschreckende Bilanz des Einsatzes im japanischen Tsunami-Gebiet

 

Hat das THW beim Einsatz in Japan seinen guten Ruf ruiniert?
Nein. Wie kommen Sie darauf?

 

Nach dem Beben waren 41 Helfer ins Tsunami-Gebiet gereist. Wenige Tage später, während andere Retter noch im Einsatz waren, kehrten sie zurück. Ist das nicht blamabel?
Die Japaner hatten uns um Hilfe gebeten, konkret um Such- und Bergungseinheiten. Aber in dem Gebiet, das sie uns zugewiesen hatten, gab es keine lebenden Verschütteten mehr. Wir konnten nichts tun.

 

Blieben Ihnen keine anderen Aufgaben?
Wir haben die Japaner um ein anderes Einsatzgebiet oder einen anderen Auftrag gebeten. Aber sie haben nein gesagt. Damit war unsere Mission erfüllt und der Einsatz beendet.

 

Viele glauben, das THW hätte seine Helfer wegen der atomaren Gefahren abgezogen.
Das stimmt nicht. Uns war klar, dass die radioaktive Gefährdung eine Rolle spielen würde. Deshalb haben wir die Einheit mit Messgeräten ausgestattet und einen ABC-Experten der Feuerwehr mitgeschickt. Außerdem habe ich angeordnet, dass die Helfer einen Mindestabstand von 50 Kilometern zum Atomkraftwerk einhalten müssen.

 

Und wenn innerhalb der 50-Kilometer-Zone Tausende Verletzte gelegen hätten?
Dann hätten wir sie nicht gerettet. Ich habe den Helfern bei der Abreise gesagt: Jedes Gebiet, in dem die radioaktiven Geräte anzeigen, ist eine Nogo-Area – egal, wie viele Verletzte um Hilfe schreien. Meine Leute wussten, dass es eine klare Linie gibt: bis dahin und keinen Schritt weiter. Das war eine brutale, aber wichtige Ansage.

 

Die Helfer waren zu keinem Zeitpunkt gefährlicher Strahlung ausgesetzt?
Niemals. Sie haben sich auch nie unsicher gefühlt. Was sie dagegen sehr belastet hat, waren die Informationen von ihren Angehörigen aus Deutschland. Die haben die radioaktive Gefahr in Japan verzerrt und völlig überhöht wahrgenommen. Emotional hat das unsere Helfer stark beeinflusst.

 

Haben Helfer gebeten, den Einsatz abbrechen zu dürfen?
Nein. Aber es gab zum Teil aufgewühlte und empörte Angehörige. Die haben geschimpft: Wie könnt ihr unsere Leute solchen Gefahren aussetzen? Mir wurde vorgeworfen, ich würde im Auftrag der Bundesregierung THW-Helfer in Japan verheizen. Das weise ich zurück. Sicherheit hatte oberste Priorität.

 

War es ein Fehler, das THW-Team nach Japan zu schicken?
Es war notwendig und wichtig. Die Katastrophe hat etwa zehn Prozent Japans verwüstet. In Deutschland würde das bedeuten, ganz Baden-Württemberg wäre zerstört. Wenn dann keine internationale Hilfe käme, wäre das grausam. Wir wären wahnsinnig unter Druck geraten, wenn wir bei einer solchen Lage niemanden geschickt hätten.

 

Ausrichten konnten Sie freilich nichts. Wie tief sitzt die Enttäuschung?
Für unsere Helfer war es der größte denkbare Misserfolg, weil sie kein Menschenleben retten konnten. Auch frühere Einsätze waren schwierig und zum Teil erbärmlich. 2008 in Myanmar kamen unsere Leute nach vier Wochen in Dörfer, wo noch kein Helfer war. Die Menschen tranken aus stinkenden Flüssen, in denen Tote schwammen. Dort konnten wir wenigstens für sauberes Wasser sorgen. Japan war der Tiefpunkt. Frustrierend und trostlos.

 

Wie teuer war der THW-Einsatz?
Das wissen wir noch nicht genau, schätzungsweise zwischen 500 000 und einer Million Euro. Das wird größtenteils vom Auswärtigen Amt bezahlt.

 

Welche Lehren zieht das THW aus der Katastrophe von Japan?
Wir sind noch bei der Aufarbeitung. Mit Ergebnissen rechne ich in einigen Wochen. Generell hat Japan gezeigt, dass mehrere Unglücke, von denen jedes einzelne schlimm genug ist, gleichzeitig eintreten können. Wir müssen solche Szenarien einkalkulieren und entsprechende Einsatzpläne aufstellen. Wer das Risiko ignoriert oder kleinredet, begeht einen fatalen Fehler.

 

Vor der Fußball-WM 2006 in Deutschland wurde das THW beauftragt, Helfer auf ABC-Lagen vorzubereiten, also atomare, biologische und chemische Bedrohungen. Was hat sich seither getan?
Wir haben damals acht Spezialeinheiten aufgestellt, die in Chemikalienschutzanzügen und unter Atemschutz Opfer bergen können. Dieses Konzept habe ich jedoch vor der Katastrophe in Japan verworfen. Dadurch sparen wir allein in diesem Jahr eine Million Euro, die wir an anderer Stelle ausgeben können.

 

Sie haben aus Kostengründen hochqualifizierte Teams aufgelöst, die bei atomaren Bedrohungen hätten eingreifen können?
Irgendwo muss man Abstriche machen. Aber es geht nicht allein ums Geld. Ich will beim THW keine Elitetruppe nach dem Vorbild der GSG 9. Wenn nach einem Atomunfall große Gebiete verseucht werden, brauche ich gut ausgerüstete Einheiten im ganzen Land. Es sieht nett aus, sich ein Superteam zu halten. Ob es sinnvoll ist, bezweifle ich.

 

Was wäre denn sinnvoll?
Ich will, dass jeder Ortsverein und somit jeder Helfer an der Basis für ABC-Fälle gerüstet ist. Damit meine ich Messgeräte für Radioaktivität und die entsprechende Ausbildung. Wir wollen die Zahl der Helfer mit ordentlichen Grundkenntnissen im Strahlenschutz mittelfristig von 300 auf 4000 erhöhen.

 

Vorausgesetzt, Sie haben noch genug Helfer. Droht dem THW durch den Wegfall der Wehrpflicht der personelle Kollaps?
Allein vergangenes Jahr sind 1113 junge Männer zum THW gegangen, um nicht zur Bundeswehr zu müssen. Dieser automatische Zulauf fällt nun weg. Wenn wir uns nicht intensiv um Nachwuchs bemühen würden, hätten wir immer weniger Helfer und könnten einige Aufgaben nicht mehr erledigen.

 

Auch Ihr Fuhrpark gibt Anlass zur Sorge. 29 Prozent der 8500 Fahrzeuge sind überaltert. Ist die Einsatzbereitschaft in Gefahr?
Sie ist so lange nicht gefährdet, wie es die Ortsverbände schaffen, die alten Autos einigermaßen in Schuss zu halten. Wir brauchen etwa 60 Millionen Euro, um unseren Fuhrpark halbwegs auf Vordermann zu bringen. Unser Antrag wurde vom Bundesfinanzministerium leider abgelehnt – wegen der schlechten Haushaltslage.

 

Fährt das THW demnächst mit Oldtimern?
Nicht unbedingt. Wir werden verstärkt Fahrzeuge kaufen, die etwas weniger Ausstattung haben und damit billiger sind. Auch die kostenlose Übernahme ausgemusterter Bundeswehr-Fahrzeuge halte ich für sinnvoll. Da müssen wir nur das Umlackieren zahlen.

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