Rocker – die neue Mafia? - Göran Schattauer
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Mit Gewalt an die Macht: Motorradclubs wie die Hells Angels fordern den Staat heraus und bauen ihren Einfluss in Wirtschaft und Gesellschaft systematisch aus. Die Polizei sieht die innere Sicherheit bedroht

 

Was für ein Triumph, eine gewonnene Schlacht im Kampf gegen das Böse. An einem Mittwoch, kurz nach 20 Uhr, stürmten 500 zum Teil schwer bewaffnete Polizisten 80 Lokale, Bordelle und Wohnungen in Hamburg und Umgebung. 24 Rocker der berüchtigten Hells Angels (Höllenengel) wurden festgenommen. Die Fahnder kassierten Waffen ein, beschlagnahmten Rauschgift und große Mengen Bargeld. Die Super-Razzia setzte die „brutalste Rockerbande der deutschen Geschichte“ („Hamburger Morgenpost“) über Nacht außer Gefecht. Als der Bundesinnenminister den Motorradverein auch noch verbot, schien das Ende der Unterwelt-Clique besiegelt.

 

Das war im Sommer 1983.

 

Knapp 28 Jahre nach Zerschlagung der ersten Rockerzelle auf deutschem Boden ist die Szene laut Polizei mächtiger und gefährlicher als je zuvor. Mächtiger, weil große Clubs wie die Hells Angels, Bandidos, Outlaws und Gremium bundesweit 3500 Mitglieder zählen, weitere 2500 Rocker haben sich kleineren Verbänden angeschlossen. Gefährlicher, weil die Lederwesten-Biker den Rechtsstaat ein ums andere Mal herausfordern – mit erbarmungsloser Härte ebenso wie mit Bestrebungen, sich in Wirtschaft und Gesellschaft zu etablieren. Dabei wenden sie laut Polizei Methoden an, mit denen auch Gangster-Syndikate operieren. Reinhard Chedor, Chef des Landeskriminalamts (LKA) Hamburg: „Sie sind ähnlich wie die Mafia.“

 

Jahrelang stuften Politik und Öffentlichkeit die Rockerkriminalität als subkulturelle Randerscheinung ein. Als Dauerfehde zwischen randalierenden Straßenbanden, die um Machtanteile im Rotlicht- und Drogenmilieu, im Schutzgeld- und Türstehergeschäft streiten. Das änderte sich, als die Revierkämpfe zum Krieg ausuferten, der binnen weniger Monate vier Tote forderte (darunter ein Polizeibeamter), Hunderte Ermittlungsverfahren auslöste und ein Klima der allgemeinen Angst erzeugte. Nicht einmal vor Gericht verlieren Rocker, die selbst ernannten „Gesetzlosen“, ihren Schrecken. Die Staatsmacht muss Sonderkommandos und Scharfschützen aufbieten, um die Sicherheit der Prozessbeteiligten gewährleisten zu können.

 

In Verfahren gegen Hells Angels oder Bandidos lesen sich die Anklagepunkte oft wie ein Inhaltsverzeichnis des Strafgesetzbuchs. Das reicht von Betrug, Hehlerei und Verstößen gegen das Waffengesetz bis zu räuberischer Erpressung, Menschenhandel, schwerer Körperverletzung und versuchtem Totschlag. Mit jeder Straftat fällt das Bild in sich zusammen, das Rocker von sich so gern zeichnen. Sie sehen sich als wilde Kerle mit Herz, deren Leben sich um blitzendes Chrom, Asphaltromantik und Freiheit dreht. Für Hamburgs Innensenator Heino Vahldieck (CDU) sind sie eher „Schwerverbrecher, die auch vor brutalster Gewalt nicht zurückschrecken“. Jörg Ziercke, Chef des Bundeskriminalamts (BKA), spricht von einem „bedeutsamen Problem für die innere Sicherheit“.

 

Wie sehr das Phänomen die Allgemeinheit berührt, skizziert das BKA im „Bundeslagebild Rockerkriminalität“ von 2009. Der vertrauliche Bericht („VS – Nur für den Dienstgebrauch“) rückt die Biker-Clans in die Nähe der kalabrischen ’Ndrangheta oder der sizilianischen Cosa Nostra. Rockerclubs seien Organisationen „mit strengem hierarchischem Aufbau“, heißt es in dem Papier. Die Mitglieder lebten nach „selbst geschaffenen strengen Regeln“ und zeigten im Allgemeinen nur „geringe Bereitschaft, mit der Polizei zu kooperieren“. Ihre Geschäfte führten sie oft „unter Anwendung von Gewalt“. Ziel sei in erster Linie der „territoriale und finanzielle Machtzuwachs“ gegenüber anderen Clubs.

 

Im Kampf um Einfluss und Macht sind Überfälle und Schießereien nur der sichtbare Teil des Geschäfts. Hinter den Kulissen verfolgen die Rocker eine zweite Strategie: Sie etablieren sich als joviale und gut vernetzte Unternehmer. Beraten von erstklassigen Anwälten und hofiert von Prominenten, werden sie immer häufiger als Teil der ehrenwerten Gesellschaft wahrgenommen. Genau das ist ihr Ziel. Sie präsentieren sich als Arbeitgeber, die brav ihre Steuern zahlen und für Bedürftige spenden, die expandieren und investieren – in Immobilien, Restaurants, Bars, Sicherheitsfirmen, Motorradgeschäfte, Klamotten-Shops, Tattoo- und Piercingläden.

 

Ähnlich wie die Mafia vermitteln Rockervereine ihren Mitgliedern das Gefühl, einer auserwählten Gruppe anzugehören, einer anderen, besseren Ordnung. Sie stillen das Bedürfnis nach Identität und garantieren bestmöglichen Schutz vor Angriffen des Staates oder rivalisierender Banden. Dabei betrachten sie Gewalt als legitimes Mittel. Mitglieder sind ein Leben lang an den Ehrenkodex der Omertì (Schweigepflicht) gebunden. Wer plaudert, muss um sein Leben fürchten. Kronzeugen nimmt die Polizei in Schutzprogramme auf. Aussteiger und ihre Familien erhalten neue Identitäten.

 

Obwohl Rocker den Staat im Grunde verachten, unterhalten sie intensive Kontakte zu Behörden. Um Informationen zu erhalten, etwa über bevorstehende Razzien, werden Beamte mit Gefälligkeiten bedacht oder in Abhängigkeiten verstrickt. Hessens Innenminister Boris Rhein (CDU) spricht vom „Einsickern in die öffentliche Verwaltung, Polizei und Justiz“. Rhein weiß, wovon er redet. In seinem Land stehen derzeit mehrere zum Teil hochrangige Polizeibeamte im Verdacht, Dienstgeheimnisse an Hells Angels verraten zu haben – ein Fiasko sondergleichen. Undichte Stellen im Sicherheitsapparat erschweren die Ermittlungen in einem Bereich, der ohnehin kaum zu durchschauen ist. Im Kampf gegen die Rockerkriminalität stoßen Fahnder regelmäßig auf Bezüge zum organisierten Verbrechen. Doch wenn es um gerichtsverwertbare Beweise geht, müssen sie oft passen.

 

Vor welchem Dilemma die Polizei steht, lässt sich in Hannover beispielhaft beobachten. In keiner zweiten Stadt haben es Rocker geschafft, eine solche Machtfülle anzuhäufen. Die Hells Angels um ihren Präsidenten, den bulligen Rotlicht-Unternehmer Frank Hanebuth, nehmen in der globalen Rockerhierarchie einen Spitzenplatz ein. Mit 45 Mitgliedern gilt ihr „Charter“, wie die Ortsvereine der Gruppe heißen, als größtes und einflussreichstes weltweit. Nach Lesart der Polizei handelt es sich bei dem niedersächsischen Club um eine Art Supermafia, angeführt vom „Paten“ Frank Hanebuth. Der 46 Jahre alte Höllenmann wirke allein aus optischen Gründen „furchterregend und einschüchternd“, meint ein Strafverfolger.

 

Hanebuth ist zwei Meter groß, 140 Kilo schwer und wild tätowiert. Sein kahl rasierter Schädel glänzt. Im Gespräch knetet er schon mal seine Hände und erzeugt dabei ein Geräusch, das an brechendes Holz erinnert. Oder er trommelt mit den Fingern, während er sein Gegenüber taxiert, knallend auf die Tischplatte. Er nennt das „gymnastische Übungen“. Polizisten würden es eher als Gesten der Einschüchterung deuten. Hanebuth saß im Gefängnis, weil er im Streit einen Mann halbtot prügelte. Das Opfer war selbst ein Hells Angel, Bodybuilder und Schwarzgurtträger im Karate. Der Vorfall liegt zehn Jahre zurück, aber um die Brutalität Hanebuths zu illustrieren, erwähnen ihn die Ermittler noch heute. Vielleicht tun sie es auch deshalb, weil er sich seitdem halbwegs gesetzestreu verhält, abgesehen von seinen Kapriolen als Autofahrer (die Polizei nahm ihm jüngst den Führerschein ab, weil er mit seinem 525 PS starken Pick-up notorisch zu flink unterwegs war).

 

Wie gefährlich ist dieser Mann wirklich? Handelt es sich um den Kopf einer global agierenden Verbrecherorganisation, wie Polizeiberichte nahelegen, um den Al Capone der Rockerszene? Oder doch um einen ehrbaren Kaufmann, wie Hanebuth von sich selbst behauptet?

 

Wer Antworten sucht, landet im Steintorviertel von Hannover, in einem Haus mit Neon-Kussmund an der Fassade und Quickies für 30 Euro, laut Eigenwerbung ein „Bordell der Extraklasse“. Im zweiten Stock, hinter der Tür mit der Aufschrift „Security“, sitzt Hanebuth. Über ihm das Poster-große Foto eines Pitbulls. Auf dem Ecktisch liegt seine Hells-Angels-Kutte mit dem geflügelten Totenkopf. „Hier im Viertel tragen wir die nicht“, sagt der Präsident, „wir wollen die Leute schließlich nicht verschrecken.“

 

Hanebuth lebt hauptsächlich davon, Bordelle zu pachten und die Zimmer für 100 Euro am Tag an Prostituierte zu vermieten. Er betrachtet sich als „normalen Geschäftsmann“ mit einer 70-Stunden-Woche, iPhone im Dauerbetrieb, privater Krankenversicherung und zu wenig Zeit für die Kinder. Den Steuerkram erledigt ein Büro, sein Fahrzeug ist, wie bei selbstständigen Unternehmern üblich, geleast. Für seine Harley-Davidson Road King zahlt er 200 Euro im Monat. „Da kriege ich alle drei Jahre ein neues Modell. Mehr geht nicht.“

 

Seit dem zwölften Lebensjahr betreibt Hanebuth Kampfsport, bis heute stemmt er Gewichte, bearbeitet Sandsäcke und drillt sich beim Seilspringen. Der Muskelbär absolvierte in Israel eine Spezialausbildung zum Personenschützer. Er beherrscht militärische Nahkampftechniken ebenso wie die Kunst der Selbstverteidigung. Mit Schusswaffen kannte er sich schon als Jugendlicher aus. „Ich war sogar mal Schützenkönig“, sagt er stolz. Schon früh verschlug es Hanebuth – Vater Lehrer, Mutter Chefsekretärin, die Schwester wurde Rechtsanwältin – ins Kneipenmilieu. Nach seiner Lehre als Zimmermann jobbte er hinterm Tresen eines Nachtclubs. Kam Stunk auf, ging „der Lange“, wie er schon in der Realschule ehrfürchtig genannt wurde, dazwischen. Schnell erwarb er sich den Ruf des gnadenlosen Aufräumers.

 

Seine Qualitäten sprachen sich bis in Hannovers Steintorviertel herum. 1985 heuerte der damals 21-Jährige als Wirtschafter in einem Bordell an. Er versorgte die Frauen mit Getränken, kassierte die Tagesmiete und setzte Freier, die rumpöbelten, an die Luft. Außerdem fungierte er als Türsteher diverser Casinos. Neben dem Profiboxen (er bestritt vier Kämpfe und schlug zwei seiner Gegner k. o.) fand Hanebuth zunehmend Gefallen am nonkonformistischen Lebensstil der Rocker. 1993 schloss er sich den Bones an, dem damals mächtigsten deutschen Motorradclub. 1999 lief die Truppe zu den Hells Angels über, in Hannover wurde Hanebuth ihr Präsident. Schon bald stieg er zum Top-Kader im weltweiten Heer der finsteren Harley-Reiter auf.

 

Mit seinem Kommando im Rücken fiel es dem kahlköpfigen Riesen leicht, die Herrschaft über Hannovers Bordellmeile auszubauen. Seine Konkurrenten – Albaner, Türken und Russen – hatte er bereits Anfang der 90er-Jahre vom Markt gefegt. Nun ging es darum, die Gewinne aus dem Sexgeschäft zu optimieren. „Zur Weltausstellung Expo im Jahr 2000 haben wir uns gefragt, wie wir die Leute länger im Viertel halten können“, sagt Hanebuth. Die meisten seien „nur zum Ficken gekommen und ganz schnell wieder verschwunden“. Um das zu ändern, krempelten der Boss und seine Kumpane den Kiez kräftig um. Zwischen billigen Animierschuppen, Stripclubs und Pornokinos siedelten sie Tanzkneipen, Cocktailbars und Restaurants an. Sie eröffneten ein Tattoostudio und bauten ein Fitnesscenter mit Boxring, auch ein Businesshotel gehört mittlerweile zum Steintorensemble.

 

Der einstige Schmuddelboulevard hat sich längst zur Amüsiermeile gemausert, auf der es auch Prominente gern krachen lassen. Die Kicker von Hannover 96 vergnügten sich hier ebenso wie die Scorpions und H. P. Baxxter, Frontmann der Techno-Band Scooter. Zu Straßenpartys strömen regelmäßig Zehntausende Feierwütige. „Unser Konzept ist voll aufgegangen“, freut sich Puffimpresario Hanebuth. „Rundum eine feine Sache.“

 

Nicht ganz so positiv fällt die Einschätzung des niedersächsischen LKA aus. Ermittler verfolgen die immer enger werdende Verzahnung von Sex-Business (Millionenumsätze), Rockermilieu (hohe Gewaltbereitschaft) und normaler Gastronomie (Geldwäschepotenzial) mit Argwohn. „Für uns wird es zusehends schwerer, hinter die Strukturen zu steigen“, sagt ein Fahnder. Für die Kriminaler steht fest, dass viele Häuser im Viertel von Hells Angels und deren Sicherheitsdienst GAB-Security kontrolliert werden. „Wer die Macht vor der Tür hat, hat sie auch dahinter“, sagt Andreas Kühn, Dezernatsleiter Organisierte Kriminalität (OK).

 

Die Polizei wirft den Rockern vor, sich mehrfach als eigene Ordnungsmacht aufgespielt zu haben. Ohne gesetzliche Grundlage hätten sie Gäste kontrolliert und Streitigkeiten auf eigene Faust geregelt. „Die haben versucht, einen rechtsfreien Raum zu etablieren“, so Kühn. Nicht nur die Bestrebungen der Rocker, das staatliche Gewaltmonopol zu untergraben, missfallen den Strafverfolgern. Mit einiger Skepsis registrieren sie auch die geschäftlichen Umtriebe der Höllenengel, die sich längst nicht mehr auf das traditionelle Rotlicht- und Security-Gewerbe beschränken. In Steintorclubs und Supermärkten vertreiben die Rocker ihre eigene Bier- und Schnapslinie „Original 81“. Die Zahlen 8 und 1 stehen für die jeweiligen Buchstaben des Alphabets, also HA – Hells Angels. Die Kassen füllen sie zudem durch den Verkauf sogenannter „Unterstützerware“ – von T-Shirts und Bomberjacken bis zu Zigaretten, Feuerzeugen und Kühlschränken. Die Sachen werden nicht nur in Szeneshops angeboten, der Absatz erfolgt weltweit über das Internet.

 

„Natürlich ist das alles nicht illegal“, sagt Andreas Kühn. „Aber es muss jedem klar sein, dass mit diesen Gewinnen die Interessen der Hells Angels finanziert werden.“ Laut BKA sind die Erkenntnisse zur Finanzkraft der Rockerclubs „gering“. Man wisse nicht, „inwieweit Finanzmittel aus kriminellen Aktivitäten“ in legale Projekte fließen. Ebenso unklar sei, „ob legale Geschäftsbereiche zu Geldwäscheaktivitäten genutzt werden“.

 

Die Hells Angels sind nicht nur äußerst geschäftstüchtig, sie scheinen auch salonfähig zu sein – dank Hanebuth. Geradezu spielerisch wandelt er zwischen Unter- und Oberwelt der Leinestadt. Der charismatische Großrocker, auf dessen Geburtstagsfeten schon mal 300 Gäste aufkreuzen, umgibt sich mit halbseidenen Figuren ebenso wie mit honorigen Persönlichkeiten. Man trifft ihn sowohl in der Gosse als auch in der VIP-Lounge der AWD-Arena, wo er hin und wieder die Spiele von Hannover 96 verfolgt, allerdings ohne Champagner zu nippen. „Davon kriege ich immer Sodbrennen.“

 

Im Milieu und bei den Höllenengeln gilt Hanebuth als uneingeschränkte Autorität, auch in der Welt der Ehrbaren verschafft er sich zunehmend Akzeptanz. Zugute kommt ihm dabei die langjährige Freundschaft zu Götz von Fromberg. Der Notar und Staranwalt, ein Intimus und früherer Kanzleikollege von Altkanzler Gerhard Schröder (SPD), vertritt Hanebuth nicht nur in rechtlichen Angelegenheiten. Auch geschäftlich harmonieren die beiden prächtig. So zog Hanebuth im Puffviertel ein neues Feinschmecker-Restaurant hoch, das „Little Italy“. Die Immobilie gehört Meister Fromberg.

 

Die Polizei vermutet, dass Hanebuth systematisch prominente und einflussreiche Fürsprecher um sich schart, die in wichtigen Angelegenheiten schon mal ein gutes Wort für ihn einlegen bei den Behörden. Ein Insider: „Er schafft sich ein Machtumfeld, das ihn als gesellschaftlich etabliert erscheinen lässt und auf das er sich im Notfall verlassen kann.“ In dieses System passe auch das karitative Engagement der Hells Angels. Mit Spenden für herzkranke Kinder und Alzheimer-Patienten wollten sie in der Öffentlichkeit als Wohltäter punkten und ihr Rüpel-Image aufpolieren.

 

Hanebuth weist die Vorwürfe als falsch und weltfremd zurück: „Meine Kontakte zu Fußballern, Musikern oder Schauspielern sind über Jahre und Jahrzehnte gewachsen.“ Auch einem Hells Angel sei es „nicht verboten“, mit einem prominenten Juristen befreundet zu sein. Zumal dieser maßgeblichen Anteil daran habe, „dass endlich Frieden zwischen den Rockern herrscht“. Im Mai 2010 moderierte Advokat Fromberg den Rockergipfel von Hannover. In seiner Kanzlei trafen sich die Repräsentanten der Hells Angels und Bandidos. Wie Abgesandte zweier Großmächte, mit Chauffeur und Leibwächtern, traten sie vor die Presse. Per Handschlag besiegelten die Erzfeinde Frank Hanebuth und Peter Maczollek das vorläufige Ende der aufreibenden und verlustreichen Kämpfe.

 

Mit ihrem pittoresken Auftritt erweckten sie den Eindruck, das Thema Rockerkriminalität habe sich quasi im Selbstlauf erledigt. Die Ordnungshüter trauen dem Frieden nicht. Sie stufen den Vorgang als reine Folklore ein. OK-Ermittler Andreas Kühn: „Da haben zwei kriminelle Gruppen ihren Anspruch auf eigene Reviere zementiert, in denen sie ungestört ihren Geschäften nachgehen können.“ Ermittler sind überzeugt, dass die Clubs mit ihrer Inszenierung „ein drohendes Verbot abwenden wollten“.

 

Selbst wenn dem so wäre – bis heute streiten Experten, ob sich ein flächendeckender Rocker-Bann überhaupt durchsetzen ließe. Im Bundesinnenministerium jedenfalls bestehen Zweifel.

 

In einem vertraulichen Bericht vom 7. Juli 2010 räumen die Fachleute aus dem Haus von Thomas de MaiziËre (CDU) ein, ihre Informationen über die Machenschaften der Rocker seien „defizitär“. So lägen zur Struktur einiger Clubs, den Finanzen und den internationalen Verflechtungen „nahezu keine Erkenntnisse“ vor. Zudem habe man bei vielen Punkten Probleme mit der „Beweisbarkeit“. Die Hoffnungen der Ermittler ruhen deshalb verstärkt auf „hochrangigen Aussteigern“ sowie „aussagewilligen Zeugen“ in laufenden Ermittlungskomplexen. Hinweise zum Innenleben der Rockermächte sollen sich außerdem aus neuen Verfahren ergeben. Nicht ohne Grund erhöhten die Behörden in den vergangenen Wochen und Monaten den Druck auf die Szene gewaltig.
Tausende Polizisten, darunter Beamte der GSG 9, stürmten Rockerbastionen im gesamten Bundesgebiet. Neben Macheten, Äxten und Pistolen konfiszierten sie Handys, Computer und USB-Sticks. Anhand der gespeicherten Daten wollen die Fahnder bessere Einblicke in die Parallelwelt der Biker gewinnen und Munition für ein Verbotsverfahren sammeln. Ein hartes Vorgehen scheint schon deshalb angebracht, weil sich die Lage nach dem Friedensgipfel von Hannover kaum entschärft hat. Bis heute liefern sich Rockerhorden quer durch die Republik Scharmützel, in Berlin drohen sogar schwere Unruhen: Mit den Mongols hat sich ein Club neu gegründet, der vor allem gewalttätige Migranten rekrutiert – und der den Hells Angels den Krieg erklärt hat.

 

Deren Top-Funktionär Hanebuth bleibt gelassen, auch was ein bundesweites Rockerverbot angeht. Dafür gebe es „keine rechtliche Grundlage“, meint er. Falls der Staat es dennoch versuchen sollte, „werden wir uns mit allen juristischen Mitteln wehren und notfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof ziehen“. Und was ist mit den Mafia-Vorwürfen? „Völlig überzogen“, motzt der Rotlichtrocker. „Erschießen wir Staatsanwälte, Richter oder Politiker? Sprengen wir Häuser in die Luft? Dealen wir mit Waffen oder tonnenweise Kokain? Nein! Das wird es bei uns auch nie geben.“ Hanebuth lächelt. Und lässt seine Finger knacken.

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