Und dann war Felix weg - Göran Schattauer
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In Dresden rauben Unbekannte 1984 ein fünf Monate altes Baby. Es ist einer der spektakulärsten Kriminalfälle der DDR, politisch brisant und bis heute ungeklärt. Nun hoffen die Eltern wieder

 

Von GÖRAN SCHATTAUER und SVEN DÖRING (Fotos)

 

Da war dieses Puzzle. Wenn es ihr nur gelänge, alle Teile zusammenzufügen. Dann würde sich alles lösen. Dann würde die Polizei ihren Felix finden und ihn zu ihr zurückbringen. So hoffte sie. Vier Tage bevor Felix verschwand, hat ihr eine Freundin das Puzzle geschenkt. Seine 1000 Teile ergeben das Motiv „Junge Mutter mit Kind“ von Lucas Cranach dem Älteren, gemalt 1525. Der Säugling, den die schöne rothaarige Frau auf dem Bild so behutsam in den Händen hält, könnte genauso alt sein wie Felix. Fünf Monate. Es fällt Leonore Tschök schwer, sich zu konzentrieren. Sie schafft es nicht, das Bild zu vervollständigen. Bis heute nicht. Ein Puzzleteil ging verloren und fand sich nicht wieder. Ihr Kind kehrte nie zurück.

 

21 Jahre müsste Felix jetzt alt sein. 21 Jahre ist es her, dass der Raub des kleinen Jungen eine der größten Fahndungen in der Geschichte der DDR auslöste. Sein Schicksal erschütterte damals bei vielen Bürgern den Glauben an die vermeintlich absolute Sicherheit im sozialistischen Deutschland. Das Geheimnis seiner Entführung wurde nie ergründet, denn aus Furcht vor diplomatischen Komplikationen stellten die Ermittler ihre Suche nach Felix ein. Sein Name war für die verzweifelten Eltern viele Jahre lang ein Tabu, sie erwähnten ihn nicht mehr. Erst jetzt erzählen sie ihre Geschichte. Erst jetzt, da ein Staatsanwalt den Fall neu recherchiert, gibt es Hoffnung, das entscheidende Puzzlestück doch noch zu finden.

 

Der 28. Dezember 1984 ist ein nasskalter Freitag. Aus Wolken, die sich wie eine graue Betondecke über Dresden spannen, fällt Schneeregen. Am Nachmittag betreten Leonore Tschök, 24, und ihr Mann Eberhard, 28, das große Centrum-Warenhaus an der Prager Straße. Die junge Mutter studiert Ökonomie des Verkehrswesens. Der Vater ist bei der Mitropa für die Arbeitssicherheit zuständig. Er schiebt den braunen Cordkinderwagen mit dem Sohn in Richtung Kleinkinderbetreuung. Der Raum ist überfüllt. Fünf Paare warten vor der Tür. Leonore Tschök schlägt vor: „Wir stellen den Wagen draußen ab.“ In einer überdachten Nische stehen bereits sechs Kinderwagen, einige leer, andere mit schlafenden Babys. Die Tschöks parken ganz links außen. Der Vater zieht ein Seilschloss zwischen die Speichen des Vorderrads und das Wagengestell. Dann dreht er den Schlüssel herum. Sicher ist sicher. Felix schläft.

 

Um 16.10 Uhr starten die Eltern ihren Bummel durch das Kaufhaus. Er führt sie von der Kurzwarenabteilung im Erdgeschoss zur Kinderkleidung in der erster Etage und schließlich zu den Fernsehern im zweiten Stock. Nach ungefähr 30 Minuten, ohne etwas gekauft zu haben, kehren die Eltern zurück zum Kinderwagen. Er steht am gleichen Platz. Es ist still. Felix scheint zu schlummern. Er muss sich bewegt haben, denn die Decke ist verschoben. Seine hellblau umhüllten Ärmchen und sein Köpfchen lugen nicht mehr hervor. Hastig nesteln die Eltern an der Decke, schlagen sie zurück — und erstarren. Der Kinderwagen ist leer. Die Mutter schaut sich suchend um. Das rosa gekleidete Mädchen im Nachbarwagen liegt da wie vor einer halben Stunde. Auch alle anderen Kinder sind noch da. Der Vater alarmiert den Wachdienst.

 

Um 16.45 Uhr erreicht der Notruf die Dresdener Volkspolizei. Sie durchkämmt Parks, Keller und Abrisshäuser. Sie kontrolliert Bahnhöfe, stoppt Autos, verteilt Handzettel. Streifenwagen rollen durch Dresden und bitten die Bürger um Mithilfe: „Achtung, Achtung! Fünf Monate altes Kleinkind entführt …“ Durch die geschlossenen Fenster ihrer Altbauwohnung im fünften Stock hören auch Leonore und Eberhard Tschök die Lautsprecherdurchsagen. „Nur wir wussten, dass es um unser Kind geht“, sagt Eberhard Tschök. „Es war grausam.“

 

Die Beamten der Einsatzgruppe „Felix“ legen ein Raster der Verdächtigen fest: vorbestrafte Kindesentführer und psychisch Kranke. Frauen, denen das Erziehungsrecht entzogen wurde. Frauen, die Fehl- oder Totgeburten hatten. Paare, deren Adoptionsanträge abgelehnt worden waren. Als ausgeschlossen gilt, dass die Eltern die Entführung inszeniert haben könnten. „Es wurde ein sehr guter Pflegezustand des Säuglings und ein gutes Milieu in der Wohnung festgestellt“, steht im Polizeibericht. Es gebe „keine Hinweise auf eine gestörte Eltern-Kind-Beziehung“.

 

Am ersten Wochenende nach der Tat nimmt der Fall eine dramatische Wende. Im Hausflur eines Dresdener Altbaus, Friedrich-Engels-Straße 11, entdeckt ein Arbeiter in einem Kinderwagen einen Karton aus Wellpappe. Der Inhalt: ein kleiner Junge.

 

Die Kripoleute sind ratlos. Niemand meldet das Kind als vermisst. Fest steht, um Felix Tschök handelt es sich nicht. Die Ermittler nennen den Findeljungen Martin. Und weil sie ihn am Sonntag fanden, geben sie ihm den Nachnamen Sonntag. Martin Sonntag. Doch wer ist Martin Sonntag?

 

Der Knabe wiegt 8900 Gramm und misst 74 Zentimeter. Er hat mittelblondes Haar und blaugraue Augen. Seine acht Milchzähne und seine Handwurzelknochen lassen vermuten, dass Martin zwischen neun und 15 Monate alt ist. Sein Körper weist Spuren medizinischer Eingriffe auf, die in der DDR unüblich sind: Narben von Schnitten für Infusionen. Martin muss sich für längere Zeit in stationärer Behandlung befunden haben. Als mögliche Gründe nennt das Protokoll „eine schwere infektiöse Erkrankung, ein Schädel-Hirn-Trauma oder eine Vergiftung“. Der Junge verfügt über keine der in der DDR vorgeschriebenen Schutzimpfungen. Als die Mediziner ihn auf Deutsch ansprechen, zeigt er keine Reaktion. Munter wird er, wenn er russische Wörter hört. Dann wendet er sich seinem Gegenüber „intensivst“ zu, vermerken die Psychologen.

 

Ihre Befunde werden den Kriminalisten unheimlich. Sollte jemand einen gesunden Säugling aus der DDR gegen ein krankes Kind aus der Sowjetunion ausgetauscht haben? Wurde Felix von in Dresden stationierten Rotarmisten gekidnappt und verschleppt? Der Verdacht ist politisches Dynamit. Er impliziert, dass unter den als Helden glorifizierten Sowjetmilitärs auch Verbrecher sind. Die Hinweise darauf mehren sich.

 

Den ersten Tipp liefert Uta Strauß. Wenige Minuten vor Felix‘ Entführung fährt die Erzieherin ihren Enkel vor dem Kaufhaus spazieren. Ihr fällt eine etwa 40 Jahre alte Frau auf, die einen altmodischen Mantel und eine seltsam aussehende, beigefarbene Strickmütze trägt. Die Frau beugt sich über einen Kinderwagen, in dem ein Baby schreit. Sie beruhigt es nicht, schaukelt nicht den Wagen. Komisch, denkt Uta Strauß und läuft weiter. Als sie kurz darauf wieder vorbeikommt, ist die Frau verschwunden, und im Kinderwagen ist es still. Nach ihren Angaben ensteht ein Phantombild der Mützenfrau. Ein Kripobeamter sagt spontan: „Sieht ja aus wie Matka.“ Jeder weiß, er meint eine Russin.

 

Ein weiteres Indiz ist das Wickeltuch des Findelkinds. Die Polizei findet heraus, dass sowjetische Familien und Kinderabteilungen sowjetischer Militärhospitäler solche Tücher verwenden. Zur Dresdener Garnison führt der Adresszettel auf dem Karton, in dem Martin Sonntag lag. Das Paket Nummer 8166, in dem der VEB Schuhfabrik „Roter Stern“ in Burg Damenstiefel verschickte, ging über Taucha nach Dresden in die Magazinstraße 17. Hier sitzt die Armee-Handelsorganisation. Sie ist zuständig für die Versorgung der Sowjets mit deutschen Waren.

 

Mehrere Anwohner der Friedrich-Engels-Straße berichten, etwa eine Stunde bevor Martin Sonntag entdeckt wurde, habe ein Kübelwagen der sowjetischen Streitkräfte vor dem Hauseingang geparkt. Ein Mann schildert, der olivgrüne Jeep habe „mit dem Heck zur Haustür“ gestanden. Andere Zeugen geben zu Protokoll, sie hätten einen Mann beobachtet, der einen Schlitten zog, auf dem ein Pappkarton stand. Sie beschreiben ihn als 35 bis 40 Jahre alt, schlank, 1,70 bis 1,80 Meter groß, bekleidet mit grauem Stoffmantel, Fingerhandschuhen, Filzhut mit Krempe. Tatsächlich erkennen Betrachter den Mann auf dem Phantombild wieder: Risatdin Sultanow. Er ist Hauptbuchhalter in der Dresdener Armee-Handelsorganisation.

 

Im Fall des Findelkinds stehen die Fahnder vor dem Durchbruch, vielleicht sogar im Fall der Entführung. Denn zwischen beiden existiert eine Verbindung: Den Schnuller aus dem Findelkindkarton hatten zwei Babys im Mund. Eines mit Blutgruppe B (wie Martin Sonntag), eines mit Blutgruppe A (wie Felix Tschök). Für die Polizei ergibt sich folgendes Bild: Angehörige des sowjetischen Militärs entführen am 28. Dezember 1984 Felix Tschök und verschleppen ihn am 6. Januar 1985 aus der DDR. Sie nehmen den Eilzug 994 von Dresden-Neustadt nach Brest. Die Waggons der sowjetischen Staatsbahn dürfen von deutschem Personal nicht kontrolliert werden. Kurz nach Abfahrt des Zuges um 12.31 Uhr setzt ein Mitarbeiter des Militärs — vermutlich Buchhalter Sultanow — das Russenkind aus. Zuvor hatten Späher aus einem Jeep heraus die Lage gepeilt. Doch die sowjetische Militärstaatsanwaltschaft erklärt kategorisch, dass eine Täterschaft sowjetischer Staatsbürger „nicht festgestellt wurde“. Dies bezweifeln die DDR-Strafverfolger zwar bis zuletzt. Doch „mangels Erfolgsaussichten“ legen sie den Fall Ende 1985 ad acta.

 

Nach dem Einstellungsbeschluss versuchen Leonore und Eberhard Tschök, Abschied von ihrem Kind zu nehmen. Aber wie soll das gelingen, solange es keine Gewissheit gibt und auch kein Grab, sondern nur verrückte Hoffnungen? „Bis heute finden wir keinen Seelenfrieden“, sagt die Mutter. In den ersten Wochen nach der Katastrophe bleibt sie zu Hause. Einkäufe erledigt ihr Mann. Beim Friseur wird getuschelt, die Tschök sei in eine Nervenklinik gebracht worden. Die Eltern erhalten keinerlei psychologische Betreuung. Sie entwickeln ihre eigene Bewältigungsstrategie: Sie verordnen sich Vergessen. Weder Freunden noch Verwandten vertrauen sie sich an. Sie verbannen alle Fotos, auf denen Felix zu sehen ist, in eine kleine, gelbe Schachtel und die Schachtel in den Schrank. Auch andere Erinnerungsstücke verräumen sie. Die Skizze des schlafenden Felix, die sie für die Polizei gezeichnet hatten. Die Etiketten von Felix‘ Lieblingsgericht, Milchreis mit Früchten.

 

Das Tagebuch, das Leonore Tschök vor der Entführung geführt hat, gibt sie auf. Sie flieht in Beschäftigung und schreibt ihre Diplomarbeit. Die Tschöks machen ihren Schmerz mit sich aus. „Wir haben uns gegenseitig nie Vorwürfe gemacht“, sagt Eberhard Tschök. „Vielleicht wäre es anders gekommen, wenn nur einer von uns den Wagen vorm Kaufhaus abgestellt hätte.“ Seine Frau sagt: „Schuld sind nur die, die es getan haben.“ Bis heute können beide das Geräusch zuschlagender Autotüren nicht ertragen. Damals hofften sie jedes Mal, wenn eine Autotür ins Schloss fiel, die Volkspolizisten würden Felix zurückbringen.

 

Das Kinderbett mit den hölzernen Gitterstäben lässt das Ehepaar in seinem Schlafzimmer stehen. Es bleibt leer, bis im Juni 1986 Fabian zur Welt kommt. In der Geburtsklinik muss Leonore Tschök auf die Fragen anderer Mütter antworten. Ist das Ihr erstes Kind? Nein, antwortet sie. Haben Sie ein Foto Ihres Älteren dabei? Nein. Ist er gesund? Ja, ja. „Ich habe mich immer durchgeschwindelt“, sagt die Mutter. Sie will keine Aufmerksamkeit und kein Mitleid. Zwei Kinder haben die Tschöks heute. Fabian ist 19, seine Schwester Nadja 17. Lange wissen auch sie nichts von Felix. Am Heiligabend 1998 sitzt die Familie unterm Christbaum. „Wir müssen euch was sagen“, beginnt die Mutter mit schwerer Stimme. „Ihr habt noch einen Bruder.“ Fabian hatte sich immer einen großen Bruder gewünscht.

 

Erst viele Jahre nach der Wende finden die Tschöks die Kraft, sich der Vergangenheit zu stellen. 2001 geben sie eine Vermisstenanzeige auf. Sie erreichen, dass Kripo und Staatsanwaltschaft die Akten wieder öffnen. Die Eltern fliegen nach Moskau, um ihren Fall im russischen Fernsehen zu schildern. Die Frau des damaligen Bundeskanzlers, Doris Schröder-Köpf, bitten sie in einem Brief, sie möge sich bei einem guten Freund nach Felix erkundigen, Russlands Präsident Wladimir Putin. „Herr Putin war Mitte der 80er- Jahre als Mitarbeiter des Geheimdienstes KGB in Dresden stationiert. Er muss von dem Vorfall Kenntnis haben“, schreiben die Tschöks. An die Kanzlergattin, die 2004 die dreijährige Viktoria aus St. Petersburg adoptiert hat, appellieren sie: „Sie sind doch auch Mutter und können sich garantiert vorstellen, wie es ist, mit einer derartigen Ungewissheit leben zu müssen.“ Doris Schröder-Köpf lehnt ab.

 

In Dresden verbeißt sich Kriminalhauptkommissar Thomas Günther, 45, in den Fall. „Es gibt“, glaubt der zweifache Vater, „noch genügend Ansätze.“ Er formuliert einen Katalog offener Fragen und tippt ein Rechtshilfeersuchen an die Moskauer Generalstaatsanwaltschaft. Eine Kernfrage lautet: Wo lebt der Buchhalter Risatdin Sultanow? Damals durften ihn deutsche Beamte nicht vernehmen. Am 9. Mai 1985 verließ er Hals über Kopf die DDR.

 

19 Jahre später spüren die Ermittler Sultanow auf. Er lebt in Ufa, Hauptstadt der russischen Teilrepublik Baschkirien. In seiner fast dreistündigen Vernehmung beteuert er am 6. Januar 2004 seine Unschuld. Niemals sei er „mit irgendwelchen Kartons durch Dresden gelaufen“.

 

Schon bald wird man wissen, ob Sultanow die Wahrheit gesagt hat. Spezialisten des Landeskriminalamts Sachsen wollen in den nächsten Wochen erstmals sämtliche Beweisstücke im Fall Felix auf DNA-Rückstände überprüfen. „Finden sich Genspuren von Sultanow an Sachen des Findelkinds, wäre er an der Aussetzung des Jungen beteiligt gewesen“, sagt Staatsanwalt Jan Hille, 40. Dann müsste geklärt werden, „ob Sultanow die Kinder für sich selbst ausgetauscht hat oder für einen Auftraggeber“. Resultate werden frühestens Ende Februar vorliegen.

 

Bis dahin bleiben alle im Ungewissen: die Kidnapper, die zumindest in Russland nicht mehr belangt werden könnten, weil dort die Tat — anders als in Deutschland — verjährt ist. Der längst wieder gesunde Findeljunge Martin Sonntag, der 1985 von einem Ehepaar aus dem Raum Freiberg in Pflege genommen und später adoptiert wird. Der mittlerweile 21 Jahre alte Felix Tschök, der ahnungslos in einer falschen Identität lebt.

 

An manchen Abenden zieht sich Leonore Tschök auf die Couch zurück und hört melancholische Balladen. „I’m coming back to you“ — Ich komme zurück zu dir. In Gedanken sieht sie Felix auf sich zulaufen. Dann brechen Tränen aus ihr heraus. Wenn ihr in der Stadt Männer um die 20 begegnen, von großer, schlanker Statur, denkt sie: So könnte Felix heute aussehen. Wie er wohl heißen mag? Aljoscha vielleicht oder Igor oder Wladimir? Und wenn er eines Tages leibhaftig vor ihr steht? „Dann sprechen wir nicht“, sagt Leonore Tschök. „Wir drücken uns. Ganz fest, ganz lange. Dann wird alles gut.“

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