Wenn Mörder über Haare stolpern - Göran Schattauer
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Forscher auf heißer Spur: Wie das Kriminaltechnische Institut des BKA in Wiesbaden Deutschlands kniffligste Fälle löst

 

Von Göran Schattauer und Peter Granser (Fotos)

 

Düster ist sein Reich. Nur wenige haben Zutritt. 40 Quadratmeter Wiesbaden, umbaut von feuerfestem Beton, gesichert mit Panzerglas, abgeschirmt durch Schleusen mit Zugangscodes. Im Souterrain einer Festung hilft Immo Wegmann, 53, spektakuläre Verbrechen aufzuklären. Er kann Schrift auf verbranntem Papier lesen. Er kann verblichene Blutspritzer sichtbar machen. Er kann Mörder aus der Flasche holen. Aus einer Wasserflasche, 0,75 Liter. Polizisten finden sie nahe einer Mädchenleiche im brandenburgischen Eberswalde. Etwas Schmieriges haftet am Glas. Etwas wie ein Fingerabdruck. Vielleicht das einzige Beweisstück im Mordfall Ulrike Brandt, 12. Eine fragile Spur. Kommt ihr der kriminaltechnische Fotograf Immo Wegmann mit seinen Halogenstrahlern zu nahe, zerfließt sie. Vorsichtig führt er deshalb über Glasfaserleiter Licht in die Flasche und stellt seine schwere Sinar-Kamera scharf. Auf dem Computerbildschirm erscheint ein sauberer Daumenabdruck. Klick! In den Rechner tippt Wegmann sein Kürzel „We“ und das Datum “14. März 2001“. Es folgen die Parameter „nb“ (nachbelichtet), „aw“ (abgewedelt) und „Verbiegefilter“ (Flasche entkrümmt und entbogen). Das Protokoll bringt der Fotograf den Daktyloskopen. Ihre Datenbank kennt die Fingerabdrücke von 3,2 Millionen Deutschen. Ein 25-jähriger Autodieb ist darunter. Stefan Jahn. Seine Hand war an der Flasche. Die Mörderhand.

 

Harvard der Fahnder: Als einer von 270 Experten arbeitet Wegmann am Kriminaltechnischen Institut des Bundeskriminalamts (BKA) — eine Art Elite-Forschungsstätte mit Weltgeltung, Spezialgebiet Verbrechensaufklärung. Physiker, Chemiker und Mathematiker, Psychologen, Phonetiker und Linguisten, Elektroniker, Mineralogen und Ballistiker analysieren pro Jahr 10000 nationale und internationale Kriminalfälle. Sie suchen das ultimative Indiz, jagen Täter mit den Waffen der Wissenschaft und lassen so manchen Gesetzesbrecher an Naturgesetzen scheitern.

 

Bleibt nicht der Abdruck einer Daumenkuppe, sondern etwa eine Zigarettenkippe am Ort der Tat zurück, landet der Fall bei Hermann Schmitter. Der 60-jährige Biologe, von kleiner Statur, mit ruhiger Art und rheinischem Humor, ist Fachmann für kleinste anzunehmende Spuren: Blut, Schweiß und Tränen. Manche nennen ihn Papst. DNA-Papst. Er kann einen Täter mit der Wahrscheinlichkeit von 20 Billionen zu eins überführen. Vor ihm müssen Mörder zittern, die zehn oder 20 Jahre unentdeckt blieben. Denn viele haben während der Tat etwas Verräterisches verloren: Haare. Bis vor wenigen Jahren galten ausgefallene, „telogene“ Haare als wertlos. Im Gegensatz zu ausgerissenen Haaren, an denen Wurzelzellen haften, enthalten sie keine nachweisbare Zellkern-DNA — glaubten alle Wissenschaftler. Außer Schmitter. Gemeinsam mit einem Gast-Biologen gelang ihm 1998 der Durchbruch. Von 84 Mitarbeitern des BKA sammelte er telogene Haare ein. Er stutzte sie auf 20 Millimeter und warf sie in ein 56 Grad heißes, raffiniert gemixtes Lösungsmittel. Nach gut zwei Stunden waren die Strähnen in den Eppendorfgefäßen zersetzt, die Zellwände geknackt — und in der Lösung schwammen verwertbare Fragmente von DNA. „Dat isset“, jubelte Schmitter in kölschem Sound.

 

Ein Haar, ein Mann: Der Terrorist Wolfgang Grams war, wie Schmitters Team nunmehr beweisen konnte, in eines der letzten Attentate der Rote Armee Fraktion (RAF) verwickelt — den Mord an Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder am 1. April 1991. Das Haar des Mittäters fand sich auf einem dunkelblauen Handtuch. Es lag an der Abschussstelle, 63 Meter von der Villa Rohwedders entfernt. Grams starb 1993 bei einem Polizeieinsatz in Bad Kleinen. Andere Linksterroristen leben. Andrea Klump, 46, steht ab 22. April in Stuttgart vor Gericht — wegen versuchten Mordes in 33 Fällen. Sie soll 1991 an einem Anschlag in Budapest beteiligt gewesen sein. Schmitters Leute kamen ihr auf die Genspur. Auch den Mord an Alfred Herrhausen, dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, können sie womöglich aufklären. „Tatort: Bad Homburg; 30.11.89; neu: 01/5422; Haare von Sprengvorrichtung“, steht auf einem Ordner in Schmitters Büro. Sein Gutachten liegt beim Generalbundesanwalt. Der ermittelt „mit Hochdruck“.

 

Die Analytiker rollen jedes Jahr rund 200 Verbrechen neu auf, bei denen die Täter der Justiz um ein Haar entkommen sind. In 60 von 100 Fällen weisen die Spezialisten Erbgut nach. Bei Haaren, die älter als zehn Jahre sind, liegt die Erfolgsquote immerhin noch bei 30 Prozent. Das telogene Haar, eine von vielen für tot erklärte Spur, erwies sich als „das letzte Geheimnis“, meint Schmitter. Sein Fachbereich kann die vielen Aufträge nur mit Mühe bewältigen. Die Warteliste reicht bis 2005.

 

Auch der Mann im Zimmer 410 kommt kaum hinterher. Polizeibehörden, Staatsanwaltschaften und Gerichte aus aller Welt vertrauen ihm ihre schwierigsten Fälle an: eine mysteriöse Todesserie unter englischen Soldaten oder Attentate auf Staatsmänner — Schwedens Premier Olof Palme, Belgiens Sozialistenchef André Cools, vor wenigen Monaten Serbiens Ministerpräsident Zoran Djindjic.

 

Finanzbeamtenhaft hockt Ruprecht Nennstiel über den Akten, mit Brille, Birkenstocksandalen, weißem Hemd und spitzem Stift. Nur Ärmelschoner fehlen. Der 52-Jährige zählt Erbsen oder vielmehr Bohnen. Blaue Bohnen. Er leitet den Schusswaffen-Erkennungsdienst, 33 Mitarbeiter. Die Computersoftware, mit der die Ballistiker das Djindjic-Attentat nachstellten, hat der Physiker aus der Pfalz in seiner Freizeit programmiert. Sie soll helfen, Bluttaten aufzuklären, „bei denen Geschosse über mehrere Kilometer fliegen und keiner weiß, wo sie herkommen“. Weil so etwas immer wieder passiert, geht Nennstiel an Silvester nicht ins Freie. Aus Angst, ein Böller könnte ihn treffen.

 

An seinem schwersten Fall arbeitet Nennstiel am Samstag, dem 27. April 2002. Im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt. Tags zuvor hat der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser hier 16 Menschen erschossen und anschließend sich selbst. Der BKA-Mann soll das nicht Erklärbare erklären. Drei Kollegen unterstützen ihn bei der ballistischen Rekonstruktion der Amoktat. Sie steigen in weiße Overalls. Nehmen Lupe, Maßband, Schieblehre, Taschenrechner und Laser-Messgeräte aus den Tatortkoffern. Raum für Raum suchen sie nach Spuren ab, sammeln Hülsen, messen Einschusslöcher, berechnen Flugbahnen. Ein leicht beschädigter Tisch verrät: Das Projektil, das ihn traf, hatte kaum noch Energie. Es muss zuvor einen Körper durchschlagen haben. Nennstiel notiert auf Millimeterpapier: „Leiche 9 (Chemie) Raum 205, Zeugen? 304 durchquert, Frau Pott 4 Schuss, Leiche 13 Zimmer 307, Tür zu 208 war zugeschlossen bei Eintreffen von SEK“.

 

In der Tür von Raum 208 klaffen acht kleine Löcher. In jedes schieben die Rekonstrukteure eine gelbe Stange, aus deren Spitze ein Laserstrahl dringt. Die roten Lichtbahnen zeigen, wie die Geschosse durchs Klassenzimmer flogen. Ein Strahl trifft auf einen kaputten Blumentopf, ein anderer auf die geplatzte Fensterscheibe. Drei Strahlen führen über Blutlachen, hinterlassen von zwei ermordeten Schülern.

 

Nach drei Tagen verlassen die Waffenkundler Erfurt. Im ballistischen Labor des BKA testen sie die bei Robert Steinhäuser gefundene Glock 17. Ein Beamter feuert mehrfach in ein Bassin. 2500 Liter Wasser bremsen die Geschosse. Unter dem Mikroskop untersuchen die Experten, welche Spuren die Waffe auf der verfeuerten Munition hinterlässt. Es sind dieselben wie auf den Hülsen von Erfurt. „Damit war klar, dass allein Steinhäusers Pistole die Tatwaffe war“, sagt Nennstiel. „Nur er hat gemordet.“

 

Um den genauen Weg des Täters zu ermitteln, stellt Nennstiel Hypothesen auf, verwirft sie, kombiniert, will einen Mathematikprofessor anrufen, so verzagt ist er. Dann findet er selbst die Lösung. Er hat 73 Hülsen und Patronen sowie vier Magazine eingesammelt. Einige Hülsen sind stark zerkratzt, andere weniger, einige gar nicht. „Die Patronen werden beim Verfeuern durch ein enges Stahlstück des Magazins getrieben, die so genannte Magazinlippe“, erklärt Nennstiel. „Die Lippen hinterlassen charakteristische Spuren an der Patrone.“ Nun kann der Kriminologe die Hülsen den Magazinen zuordnen und Steinhäusers Mordtour rekonstruieren. „Die Wahrheit“, philosophiert Nennstiel, „ist oft so einfach. Man muss sie nur erkennen.“ Ein halbes Jahr Arbeit steckt in dem 90 Seiten dicken Gutachten über das Verbrechen, das zehn Minuten dauerte. „Wahnsinn“, sagt Nennstiel und scheint damit beides zu meinen — die Tat und deren Analyse.

 

In einer ehemaligen US-Kaserne, einer Außenstelle des BKA, arbeitet am Ende eines langen, dunklen Korridors Olaf Köster: das Ohr. Seit 1998 lauscht er Kriminellen. Der schlaksige junge Mann sitzt in einem schallgedämpften Zimmer. An den Wänden kleben genoppte Styroportafeln. Auf Kösters Kopf sitzen wuchtige Kopfhörer. Er hört Stimmen. Von Entführern, Erpressern, Bombenlegern. Den Stimmen Gesichter zu geben ist sein Job. Geschlecht, Alter, regionale und soziale Herkunft, Bildungsgrad, Berufszugehörigkeit —all das hört der Phonetiker heraus. „Was ich dafür brauche, sind im Idealfall 20 Sekunden Sprache“, sagt Köster. Die Worte zittern zackenförmig über seinen Monitor.

 

Im Juni 2000 geht beim hessischen Pharmakonzern Aventis ein Erpresserbrief ein. Anbei acht manipulierteInsulin-Ampullen. Forderung: 20 Millionen Mark. Ob „was angekommen“ sei, will ein Anrufer kurz darauf wissen. Es folgen fünf weitere Telefonate. Die Polizei schneidet mit. „Ja, gutten Tag, Herr Dette, hier iss Teppischmesser“, beginnt der Erpresser jeden Anruf. Er sagt „Aventis Pharrrma“, „Polisei“, „Isch meldet misch“ und „Auw Wiederhören“. Oft benutzt er das Wort „Vertrauen“ und den Fachbegriff „Qualitätskontrolle“. Zwischen 5,7 und 6,2 Silben in der Sekunde schafft der Schnellsprecher. Anfangs versucht er sich zu verstellen: „Lossen sie misch folgendes mochen.“ Später wird aus dem O ein A.

 

Köster hört, dass es sich stets um denselben Anrufer handelt. Sehr wahrscheinlich ist „Teppischmesser“ zwischen 25 und 40 Jahre alt. Sehr wahrscheinlich Türke. Sehr wahrscheinlich hat er Bezug zu Aventis. Bei der geplanten Geld-übergabe nimmt die Polizei den Mann fest — 35 Jahre alt, Türke, Ex-Mitarbeiter von Aventis. Im Herbst 2003 holt Köster einen Mann aus dem Gefängnis, der zu Unrecht verdächtigt wird, den Düsseldorfer Flughafen mit einer Bombendrohung terrorisiert zu haben. Das Ohr weist nach: Die Stimme am Telefon gehörte einer Frau. Eine 29-jährige Studentin hat mittlerweile gestanden.

 

Etwa 150 Fälle hat Köster bislang untersucht. Noch nie lag er falsch. Als Kind imitierte er den Frosch Kermit und besprach Kassetten mit der Moderation seiner privaten Hitparade. Als Phonetikstudent in Trier gab er den „Geerd aus Düüringn“. Täuschend echt. Er selbst lässt sich nicht übers Ohr hauen. Auch wenn es viele versuchen. Halten sich ein Tuch vor den Mund. Spielen ihren Text vom Diktiergerät runter. Stoppeln ihre Botschaft aus einem Sprachlehrprogramm zusammen. Spätestens vor der Geldübergabe lassen sie sich aus der Reserve locken. Köster lächelt.

 

Vier Zimmer weiter beugt sich Barbara Wagner-Alemdar über eng beschriebene Zettel. Sie vergleicht Buchstaben für Buchstaben und führt darüber genau Protokoll. Die Leiterin des Bereichs Handschriften, eine kleine Frau mit großer Brille, prüft, ob Unterschriften gefälscht, Testamente echt oder Verfasser verschiedener Schriftstücke identisch sind.

 

Ein großes A wird 1998 dem Bahn-Erpresser Klaus-Peter Sabotta zum Verhängnis. Die Briefe an den Konzern („Wir erwarten eine Zahlung von DM 10 Mill“) vergleicht die Psychologin mit Notizen, die sich Sabotta in einem Kalender von 1994 gemacht hatte. „Abstrich, Aufstrich, Abstrich, Querzug“, notiert sie als übereinstimmendes Merkmal beim A. Andere Buchstaben gleichen sich ebenfalls. „Die Handschrift hat die Beweiskraft eines Fingerabdrucks“, erklärt die Expertin.

 

Das handschriftliche Vermächtnis des deutschen Terrorismus ruht in Zimmer 206. Sechzig Leitz-Ordner voll mit Einkaufszetteln, Liebesbriefen, Kochrezepten und Geldüberweisungen. Auch Bewerbungsschreiben klemmen in den Kladden. Das RAF-Archiv ist rubriziert nach Schlagworten wie „Kern inhaftiert“, „Kern noch gesucht“, „Umfeld“ und „Tot“. Ob das „ineinandergeschmolzene ch“ von Friederike Krabbe oder die „verschliffenen Buchstabenverbindungen“ von Wolfgang Grams — die BKA-Expertin kennt die Killergang bis auf den i-Punkt. Sollten irgendwann Pläne zu ungeklärten RAF-Verbrechen gefunden werden, die 55-Jährige könnte die Urheber identifizieren. „Mein Lieblingsautor war Willy Peter Stoll“, sagt sie. Das Schriftbild des Mannes, den die Polizei 1978 erschoss, sei „sehr markant“ gewesen.

 

Der Inhalt ihrer Dokumente interessiert Frau Wagner-Alemdar wenig. Mit einer Ausnahme. In einem Drohbrief las sie ihren Namen. Die RAF schwor ihren Verfolgern Rache. „Ich wollte hinschmeißen“, sagt die Wissenschaftlerin. Monatelang schützten sie Polizisten.

 

Seit dem 11. September 2001 gibt es neue Gründe, Angst zu haben: Für Phonetiker, die in den Botschaften Osama bin Ladens Hinweise auf dessen Verbleib suchen. Für Sprengstoffexperten, die den Mix kennen, der auf Djerba 19 Menschen zerriss. „Wir kämpfen“, sagt Gottfried Vordermaier, 55, der Chef des Instituts, „an vorderster Front.“

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